Prolog

 

 

 

Kopenhagen im Februar dieses Jahres.

 

Das ganze Land ringsherum verbarg sich unter einer zentimeterdicken Schneedecke. Nur hier reichte es auf den Straßen der dänischen Hauptstadt gerade einmal für ein unangenehmes Gemisch aus Schneematsch und Pfützen. Dazu diese nasskalte Luft, die sich einem auf die Bronchien legte. Wer an diesem Sonntagnachmittag nicht wirklich vor die Tür musste, der blieb in seiner warmen Wohnung und genoss die Hygge, einen warmen Ofen und mindestens eine Kanne Tee.

 

Der in den dicken, edlen Wollmantel gehüllte Mann versagte sich ein Schmunzeln bei dem Gedanken, dass er die Aufmerksamkeit eines unbeteiligten Zuschauers gewiss wecken dürfte. So, wie er die Straße hier entlang hüpfte, um mit dem ungeeigneten Schuhwerk jeder Pfütze auszuweichen. Dabei war der Grund für das, was er hier tat, alles andere als lustig. In der Tat stellte sich ihm erneut die Frage, ob es nicht einen Weg gab, doch noch aus dieser Sache auszusteigen. Dabei drehte es sich nicht einmal um das Geld, das für ihn heraussprang. Es ging um mehr – bedeutend mehr!

 

Sein wie zufällig gewählter Weg führte ihn zum Eingang von „Det Kongelige Bibliothek Have“ – der Garten der Königlichen Bibliothek.

 

Heute war es wichtig, sich an einen Platz zu begeben, an dem er sich sicher fühlte. Er durfte nicht den Überblick verlieren. Im Sommer war diese Parkanlage einer seiner Lieblingsorte, an denen er sich nur zu gern aufhielt. In der Mittagspause hier zu sitzen und dem bunten Treiben um sich herum zuzuschauen war sein Highlight des Tages. Dem Lachen der Kinder zu folgen, wenn diese bis zu den Knien in dem flachen, künstlich angelegten Teich herumtollten und dabei versuchten, dem Sprühregen auszuweichen, der aus der meterhohen Wasserfontäne in seiner Mitte zur Erde fiel.

 

Doch jetzt war der kleine und schönste Flecken Kopenhagens in eine abweisende Winterstarre verfallen. Die alten, imposanten Bäume des Parks, die im Sommer angenehmen Schatten spendeten, reckten heute ihre kahlen Äste drohend in den bleigrauen Himmel. So, als wüssten sie, welch ein dunkler Anlass ihn an diesen Ort führte.

 

Der Blick des Mannes wanderte über das menschenleere Areal und suchte die Person zu entdecken, wegen der er sich hierher begeben hatte. Seine behandschuhte Rechte befreite die Uhr an seinem Handgelenk. Er war zu früh. Wäre es noch möglich umzukehren? Er betäubte sein erneut aufflackerndes Gewissen mit dem Gedanken, dass es dafür ohnehin zu spät war.

 

Von Christiansborg Slot verkündeten die Schläge der Turmuhr die fünfzehnte Stunde des Tages. Dabei begann die Dämmerung schon hereinzubrechen. Ein leichter Wind kam vom Øresund her auf und ließ die Luft um ihn herum nur noch feuchter wirken. Fröstelnd versenkte der Mann seine Hände erneut in den tiefen Taschen des Mantels und ging weiter in den Park hinein. Hin zu den Parkbänken, bei denen er sich mit seinem Kontaktmann treffen wollte.

 

Der helle Gegenstand, den er dort auf der Bank ausmachte, entpuppte sich als herrenlose Tageszeitung. Die „Politiken“ erkannte er auf den ersten Blick. Zumindest würde das Schmierenblatt sich dazu eignen, als Sitzunterlage für ihn zu dienen, dachte er abfällig und ergriff das erstaunlich trockene Papier.

 

»Wenn das kein Karma ist«, kommentierte er zynisch die Headline des Blattes, die ihm ins Auge stach. Weltweite Rüstungsausgaben auf Rekordniveau! Er faltete die Zeitung auseinander und überflog den Artikel. Die weltweiten Rüstungsausgaben erreichten, trotz schrumpfender Weltwirtschaft, im vergangenen Jahr ein Rekord-Niveau von fast 2 Billionen US-Dollar.

 

Was für ein Gehabe! Das gleichgültige Schnauben erzeugte einen feinen Sprühregen um ihn. Wenn ihr Gutmenschen wüsstet, wie groß die Dunkelziffer im Waffenhandel tatsächlich ist, würdet ihr kein Auge zubekommen, dachte er ungerührt und schob das Papier mit einem herablassenden Lächeln zusammen. Sorgfältig drapierte er es auf dem nassen Holz der Bank und setzte sich vorsichtig darauf. Ein erneuter Blick auf die Uhr. Seine Verabredung sollte langsam erscheinen. Dann konnte es noch ein schöner Nachmittag werden. Der Gedanke an seine Tochter und die Enkelkinder erfüllte ihn mit einer aufrichtigen Wärme. Sie waren heute Morgen endlich nach so vielen Monaten vom fernen Skagen her zu ihm zu Besuch gekommen. Er sah sie viel zu selten.

 

»Willst du den Fährmann bezahlen?«

 

Gunvald Førster fühlte seinem Schrecken nach. Völlig unbemerkt hatte sich jemand von der Seite her genähert. Umgehend hatte er sich unter Kontrolle und sah zu dem Fremden auf, der kaum eine Armlänge vor ihm stehen blieb. Das Gesicht des Mannes lag im Schatten einer breitrandigen Hutkrempe, die jegliche Konturen verbarg. »Nur wenn es über den Hades geht.« Seine Stimme wirkte brüchig, als er die seltsam klingende Frage beantwortete. Wie kindisch, murmelte die Vernunft in ihm und wurde von dem Wissen um die Tragweite seines Handelns überspült. Die Hand in seiner Manteltasche klammerte sich um die antike römische Münze, die der andere gleich fordern würde.

 

»Für einen Sesterz ist dir der Weg gewiss.« Der harte schwedische Dialekt, den der andere trug, klang nicht unnahbar. Es sah für einen Moment sogar aus, als würde er dabei lächeln. Seine in einem schwarzen Lederhandschuh steckende Hand schwebte fordernd zwischen ihnen.

 

Das Papier unter ihm knisterte leise, als er sich bewegte, um die Hand aus der Tasche zu ziehen. Die kleine bronzene Münze wechselte den Besitzer, der sie nach einem kurzen Blick darauf einsteckte.

 

Der Schwede streckte sich und drehte sich dabei langsam um die eigene Achse, um die nähere Umgebung in Augenschein zu nehmen.

 

»Niemand weiß, dass wir uns hier und heute treffen.«

 

»Vertrauen ist gut, Kontrolle besser.« Ein weiteres Abscannen der klassischen Hausfronten, die den Park umsäumten. »Eine Offenbarung des Hades-Projekts würde nicht nur uns den Hals brechen, Herr Abgeordneter.«

 

»Wer denkt sich nur solche Namen aus?«, rutschte es Førster heraus. Es ärgerte ihn, dass er sich zu dieser infantilen Äußerung hatte hinreißen lassen. Es war schlichtweg unprofessionell. »Haben Sie die Unterlagen dabei?«

 

Das leise, herablassende Lachen hinter dem Schal des anderen überrollte ihn. »Sie haben es hier nicht mit Anfängern zu tun, Herr Abgeordneter. In den Dokumenten steckt zu viel Brisanz, um sie in der Öffentlichkeit spazieren zu tragen. Wenn etwas davon bekannt wird, würde es nicht nur die Regierung Ihres Landes erschüttern.« In der behandschuhten Rechten des Fremden glänzte der Schlüssel eines Schließfachs. »Københavns Hovedbanegård. Fach 116. Die nötigen Unterlagen und Instruktionen befinden sich darin.«

 

Førster sah auf den metallenen Gegenstand, der auf seine ausgestreckte Handfläche wechselte. Ungehaltenheit quoll in ihm hoch. Ja, erwartete dieser Mann womöglich, er würde sich selbst in die dreckigsten Katakomben der Stadt begeben?

 

Als er sich seiner selbst und des Momentes erneut bewusst wurde, fand er sich allein auf weiter Flur wieder. Der Fremde war wie vom Erdboden verschluckt. So, als hätte es ihn nie gegeben. Suchend sah er sich um und trat zwei zögerliche Schritte vor. Doch außer einem Krähenpärchen in seiner Nähe wirkte alles wie ausgestorben. Es war so surreal. Und doch war da dieser massive Schlüssel, der sich ihm in seine schweißnasse Hand presste. Simon! Er würde seinen engsten Vertrauten damit betrauen, die brisanten Unterlagen umgehend sicherzustellen. Gunvald Førster versenkte beide Hände in den Manteltaschen und wandte sich um. Selten zuvor in seinem Leben hatte er sich so verunsichert gefühlt wie an diesem denkwürdigen Tag. Wurde ihm erst jetzt langsam bewusst, in was er sich da hineinlaviert hatte?

 

 

 

Kapitel 1

 

 

 

Selten hatte Politikommissær Ove Rassmussen solch einen turbulenten Flug erlebt. Dabei hatte ihn der Pilot der Militär-Frachtmaschine vor dem Start noch gewarnt. Ihr Flug würde bei den Tiefdruckgebieten, die derzeit über dem Nordatlantik herrschten, „etwas ruppig“ ausfallen dürfen. Da hatte er noch gelacht und behauptet, dass nichts einen Zivilfahnder des Politiets Efterretningstjenste umhauen würde. Nach den Bocksprüngen, die ihre Hercules C 180 während des mehrstündigen Fluges vollführt hatte, war er sich darin nicht mehr sicher. Zumal die Landung, zu der die Maschine ansetzte, vermutlich allem die Krone aufsetzen würde.

 

Rassmussen kontrollierte ein weiteres Mal den festen Sitz des Anschnallgurtes und schaute mit zusammengebissenen Zähnen durch das kleine Fenster, durch das man die Welt dort draußen sah. Oder was davon übriggeblieben war. Graue Wolkenfetzen wirbelten in wahnwitziger Geschwindigkeit vorbei. Urplötzlich riss die Waschküche auf. Ein Konglomerat aus bunten, durcheinandergewürfelt wirkenden Häusern sprang ihm entgegen und ließ ihn zurückschrecken. Waren sie nicht viel zu tief? Eine heftige Seitenböe erfasste die schwere Transportmaschine und drohte, sie seitlich über die Landebahn zu schieben, die längst unter ihnen sein musste. Doch der erfahrene Pilot brachte sie rechtzeitig auf Kurs. Nur um gleich darauf mit einem harten Ruck auf der Rollbahn von Nuuk aufzusetzen.

 

Ove hatte seine stillen Dankgebete noch nicht beendet, als die Maschine in ihre endgültige Parkposition vor einen allein stehenden Hangar rollte. Für den Polizeikommissar aus der pulsierenden Metropole Kopenhagen war es enttäuschend wenig, was sich seinen Blicken bot. Weit in der Ferne, kaum wahrzunehmen, ein einziger Terminal. Dazu einige Fahrzeuge, die sich um ihre Maschine herum nach einem undurchsichtigen Muster aufstellten.

 

»Die Königliche Luftwaffe dankt dir, dass du ihren Service genutzt hast.« Der Lademeister, der auf einem der wenigen Crewsitze Platz genommen hatte, schnallte sich los und stemmte sich beschwingt in die Höhe.

 

Rassmussen schenkte ihm ein Nicken und hoffte inständig, dass der andere nicht das Zittern seiner Hände bemerkte. Das Unwohlsein, das ihn fast den ganzen Flug über begleitet hatte, schwand erst, als er auf die offene Frachtklappe trat und gierig die eisige Luft in sich hineinsog.

 

»Herre Gud!« War das kalt hier, rang er sein Zittern nieder. Sie hatten April, zu Hause schlugen die Bäume aus und hier gefror ihm die Luft in den Lungen. Er musste sich bewegen, bevor er noch festfror. Ove schwang sich seinen Rucksack auf den Rücken und stiefelte die Laderampe hinunter.

 

Unter den Fahrzeugen, die ihre Maschine umringten, befand sich auch ein Jeep, von dem sich jetzt ein uniformierter Soldat löste und direkt Kurs auf ihn nahm.

 

»Politikommissær Rassmussen?« Der Mann nahm vor ihm Haltung an und salutierte zackig. Die Binde an seinem Arm wies ihn als Angehörigen der Militärpolizei aus.

 

Ove musste sich zwingen, den militärischen Gruß nicht mit einem Grinsen zu erwidern. All das ganze Brimborium, das die bei der Armee machten, war nicht wirklich seine Welt.

 

»Premierløjtnant Thyve Bertelsen erwartet bereits deine Ankunft.«

 

»Ja, Herr Jessen«, las er vom Namenschild an dessen Uniform ab. »Dann lass uns schnell zu deinem Chef fahren. Je schneller ich in den Flieger zurückkomme, umso besser.«

 

Zum Glück sparte das dänische Militär nicht an der Qualität bei der Ausstattung für das Arktisk Kommando. Der Jeep, der auf sie wartete, besaß eine Standheizung. Und sein Fahrer wusste, wie man sie bediente. Ove verstaute sein Gepäck auf dem Rücksitz und beeilte sich, auf den Beifahrersitz zu kommen.

 

Sie verließen den Flughafen durch ein kaum bewachtes Tor und nahmen eine gut ausgebaute Straße, die in Richtung Nuuk führte. Der Gefreite neben ihm war nicht gerade gesprächig, stellte Ove zufrieden fest und sah aus dem Fenster. Die farbenfrohen Gebäude, an denen sie vorbeikamen, erinnerten ihn mehr an das alte Blåvand seiner Kindheit als an die Hauptstadt Grønlands. Gerade einmal achtzehntausend Menschen sollten hier leben, hatte er sich zuvor im Netz erkundigt. Hier kannte noch jeder jeden.

 

»Darf ich dich fragen, was der PET bei uns zu suchen hat?«, riss ihn die Frage des Gefreiten aus seiner Nachdenklichkeit. »Weshalb interessiert sich der Inlandsnachrichtendienst für uns?«

 

Das zum Thema Verschwiegenheit. Ove vermied es wohlweislich, eine Antwort darauf zu geben. »Du holst den Mann da ab und führst ihn uns umgehend zu. Keine Fragen, keine Auskünfte und keinen Kontakt zu irgendjemandem«, hatte die Abteilungsleiterin Didde Povlsen ihm gestern Nachmittag unmissverständlich aufgetragen. Mit einem Ernst in der Stimme, den er so von seiner Vorgesetzten und langjährigen Freundin nicht gewohnt war.

 

»Sorry, ich wollte nicht neugierig sein«, wertete der Gefreite sein Schweigen als Vorwurf. »Der Sergeant Schiemann ist bei allen hier überaus beliebt. Es gibt niemanden, der versteht, warum man ihn suspendiert hat. Und dass er nun von einem zivilen …« Er verstummte umgehend, fast erschrocken.

 

»… einem zivilen Bullen abgeholt wird«, ergänzte Rassmussen und fügte mit einem kollegialen Unterton hinzu: »Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich weiß auch nicht, was sich der Sergeant zuschulden hat kommen lassen.«

 

Nun war es an dem Soldaten, das Schweigen zur Kunst zu erheben.

 

»Sollte ich sonst etwas über den Sergeanten wissen, das nicht an die große Glocke gehört? Noch kann ich vielleicht etwas für ihn tun.«

 

Außer einem stummen Schulterzucken erntete Ove nichts. Zumal sich die Fahrt ihrem Ende zuneigte. Gleich hinter dem Tor der militärischen Anlage hielt sein Fahrer vor einem flachen Dienstgebäude.

 

Der Politikommissær bedankte sich bei dem Mann, schulterte seinen Rucksack und suchte das Gebäude des Arktisk Kommandos auf. Das Klappern der Metallöse am Fahnenmast, der den großen Danebrog im Wind hielt, begleitete ihn über die Stufen in den nüchternen Zweckbau hinein. Ein Klang wie das Läuten einer Todesglocke. Ove Rassmussen wies sich bei dem Wachhabenden aus und wurde von einem noch wortkargeren Soldaten in das Büro des Sicherheitschefs geführt.

 

Premierløjtnant Esben Thyve Bertelsen, das war auf dem glänzenden Namensschild auf dem Schreibtisch in großen Lettern zu lesen, nahm den militärischen Gruß seines Untergebenen entgegen. Kühle Augen musterten kurz den Zivilisten, ehe sein Blick erneut in den Unterlagen versank, die vor ihm ausgebreitet lagen.

 

Ove verbiss sich seinen Kommentar auf diesen offensichtlichen Affront. Wenn Bertelsen ihm damit sein Desinteresse demonstrieren wollte, bitteschön. Da hatten sich bedeutend hellere Köpfchen an ihm die Zähne ausgebissen. Bei dem Gedanken daran, wie sehr es Didde bedauert hatte, diesem Mann nicht persönlich auf die Füße steigen zu dürfen, entglitten Ove die Gesichtszüge dann doch zu einem Grinsen.

 

Er wandte sich ab und betrachtete mit auf dem Rücken verschränkten Händen die gerahmten Fotografien an der Wand zu seiner Rechten. Gruppenbilder von martialisch wirkenden Soldaten. Auf jedem dieser Bilder befand sich der Offizier im Mittelpunkt. Definitiv ein sehr von sich überzeugter Mann, wie ihm schien. Auch in diesem Punkt waren die Berichte von Didde und Farid, die mit diesem Herren kollidiert waren, nicht übertrieben. Die Landschaften im Hintergrund wirkten meist verbrannt, ausgedörrt, ja fremdländisch. Von den Kollegen im fernen Søborg hatte er erfahren, dass Bertelsen damals ebenfalls in Afghanistan stationiert war. Eine Zeit, über die sie selbst nicht oft sprachen.

 

»Tschaghtscharan in der Provinz Ghor.« Von dem Besucher unbemerkt, war Thyve Bertelsen an dessen Seite getreten. In seiner Stimme schwang eine Mischung aus Stolz und Bedauern mit.

 

»Ich kann mir vorstellen, dass es klimatisch gesehen ein gewaltiger Unterschied zu hier sein muss, oder?«

 

»Man überlebt alles. Wenn ich an so manche Nacht dort in Afghanistan zurückdenke, stehen sie dem hier in nichts nach.«

 

»Nein, das wäre nichts für mich. Da lobe ich mir das Wetter bei uns zu Haus.«

 

»Du kommst also wegen Sergeant Schiemann«, beendete Thyve Bertelsen den für ihn belanglosen Smalltalk.

 

»Jepp. Ich soll ihn ohne großes Aufsehen nach Søborg begleiten. Die Verfügung vom PET und aus dem Verteidigungsministerium dürfte dir bestimmt zugegangen sein.«

 

»Da wirst du dich etwas gedulden müssen.« Bertelsen begab sich an seinen Schreibtisch und verschanzte sich regelrecht hinter ihm. »Zudem habe ich von meinem Vorgesetzten die Weisung bekommen, dass Sergeant Schiemann nur in Begleitung unserer Militäranwälte und mit einem unserer Versorgungsflüge nach Søborg überführt wird.«

 

»Du weißt, dass der Service an Bord grottenschlecht ist. Nicht einmal ein Glas Sekt beim Einchecken«, versuchte Ove es auf die lockere Tour. Dabei stank ihm dieses Schauspiel gewaltig. Wie kindisch dieses ganze Kompetenzgerangel doch war. Hier, wie auch in seinem eigenen Laden.

 

»Was gibt es denn sonst noch?« Für Thyve Bertelsen schien die Audienz beendet. Ja, er hielt es nicht einmal für angebracht, seinen Besucher ein weiteres Mal anzuschauen.

 

»Ich möchte heute noch mit dem Sergeanten sprechen. Du darfst gerne mit dabei sein«, nahm er dem anderen gleich den Wind aus den Segeln.

 

»Weshalb?«

 

Esben wirkte in der Tat irritiert, stellte Ove zufrieden fest. Widerspruch war offenbar nichts, was er täglich zu hören bekam. »Du warst es, der darauf bestand, dass Sergeant Schiemann in eurer Begleitung reisen wird; mit dem Versorgungsflug. Du hast Verständnis dafür, dass der PET nicht die Geduld kennt, die ihr im Allgemeinen an den Tag legt.« Ove war dieses Geplänkel langsam leid. Er griff in die Innentasche seiner Jacke und holte seine Order hervor. »Schiemann. Ich werde ihn nun sprechen. Und ich wäre dir dankbar, wenn du mich umgehend zu ihm in die Arrestzelle begleitest.«

 

Der Blick des Offiziers nahm einen undefinierbaren Ausdruck an. Er wischte das Schreiben, das der Politikommissær ihm auf den Schreibtisch gelegt hatte, beiseite und lehnte sich in seinem Ledersessel zurück. »Wie kommst du auf Arrestzelle?«

 

»Schiemann, du erinnerst dich? Ich bereite ihn auf die Reise vor und du sorgst dafür, dass eure Anwälte am Flughafen stehen.«

 

Esben Thyve Bertelsen schwang vor und bellte lautstark einen Befehl.

 

Umgehend flog die Tür in Oves Rücken auf. Der Mann, der ihn bis hierher begleitet hatte, stand im Raum und salutierte.

 

»Konstabel, führen Sie den Mann zum Sergeanten. Schiemann hat sich vierzehnhundert hier bei mir zu melden.«

 

Ove widmete diesem arroganten Schnösel einen letzten, kühlen Blick und drehte sich wortlos um, um dem Soldaten zu folgen.

 

Doch statt dass der Mann ihn in die dunkelsten Katakomben des Hauses führte, ging es auf demselben Weg zurück, den sie gekommen waren. »Konstabel? Eigentlich wollte ich umgehend mit Sergeant Schiemann sprechen«, brach Ove das Schweigen.

 

»Der Gefreite Jensen wird dich zu ihm bringen«, lautete die knappe Antwort des Mannes.

 

 

 

Oves Unzufriedenheit hielt weiter an. Selbst als er erneut bei seinem Chauffeur im Wagen saß. »Verstehen muss ich das jetzt nicht, oder?«

 

»Was denn?« Kaum hatten sie das Kasernentor hinter sich gelassen beschleunigte der Mann den Wagen. Sie schossen in Richtung Stadt davon.

 

»Was ist so schwer daran, mich zu dem inhaftierten Soldaten zu bringen?«

 

»Wir sind auf dem Weg zu ihm. Nach Nuussuaq. Dort wohnt Lutz. Oder glaubst du, dass wir unsere Leute hinter Schloss und Riegel bringen?«

 

»Schiemann hat etwa nur simplen Hausarrest bekommen!?!« Ove begann langsam am eigenen Verstand zu zweifeln. Da verschob der Mann womöglich Kriegsmaterial in Millionenhöhe und bekam nur … »Das ist doch jetzt ein makabrer Scherz, oder?«

 

»Wie?« Jensen nahm den Blick von der Straße und sah ihn ratlos von der Seite her an. »Wo soll er sonst sein? Wir sind hier auf Grønland. Da überlegt man es sich dreimal, ob man ins Land hineingeht.«

 

Rassmussen schüttelte den Kopf und schwor sich, einen Bericht zu schreiben, der sich gewaschen hatte. Von nun an blieb er stumm und konzentrierte sich auf den Weg, den sie von der Stadt her in die Außenbezirke nahmen. War die Bebauung des alten Nuuk schon was für Enthusiasten, so war der Stadtteil Nuussuaq, den man seit dem letzten Jahrzehnt aus dem Boden gestampft hatte, nichts für Suizidgefährdete. »Andere Länder, andere Sitten«, kam ihm der Sinnspruch seines Freundes Peder in den Sinn, den dieser von seinem deutschen Mädchen adaptiert hatte.

 

Ove war seinen abschweifenden Gedanken geradezu dankbar, dass sie einen Ausweg aus dem hier fanden. Etwas, auf das er sich auf der wortkargen Fahrt konzentrieren konnte. Er nahm sich fest vor, nach diesem chaotischen Ausflug hierher umgehend eine Woche Urlaub zu nehmen. Einfach nur abschalten, alte, beste Freunde treffen und an all das hier nicht mehr denken. Ja, viel zu lange war er nicht mehr in Blåvand gewesen. Nach Hause fahren …

 

Er schloss die Augen und verdrängte die Erinnerungen, die ihn wie so oft in den letzten Jahren immer wieder einmal einholten. Auch wenn es ihm mit der Zeit leichter fiel, Abstand zu finden. Die Zeit heilte wirklich alle Wunden. Mehr unbewusst betastete er seine Narbe auf der Brust. Die Stelle, in die das Geschoss eingedrungen war, das Anne-Mette damals ihr Leben gekostet und seines auf ewig verändert hatte. Anne-Mette, seine Kollegin, die für ihn weit mehr als eine Partnerin hätte werden können. Nach allem, was er mit Karen … Nej, slut nu! Er biss sich auf die Lippen, bis es schmerzte und zwang sich, an etwas anderes zu denken.

 

»Wir sind da.« Mit diesen Worten befreite der Gefreite unvermittelt seinen Passagier aus dessen Gedankenkarussell. Er lenkte den Jeep auf einen Parkplatz und deutete vor sich auf einen schmucklosen vierstöckigen Wohnblock. »Soll ich hier unten warten?«

 

»Nein«, entschied der Politikommissær aus dem Bauch heraus. »Ich wünsche, dass du mit mir kommst und dafür sorgst, dass sich unser Gespräch … nett gestaltet.«

 

»Eine gute Entscheidung.« Jensen schnallte sich los und schickte sich an, auszusteigen.

 

Ove folgte dem Uniformierten, der sich auf einen der Eingänge zubewegte. »Langsam fange ich an, euch und eure Art hier das Leben zu sehen zu bewundern.«

 

»Wie? Ich verstehe nicht.«

 

»Ach, vergiss es.« Der Politikommissær unterließ es erneut, den Gefreiten mit seinen Überlegungen zu konfrontieren. »Lass uns zusehen, dass wir Schiemann einsammeln. Ich will endlich mit meinem Hintern ins Warme kommen.«

 

Jensen nickte stumm und stieß die Haustür auf. Ein kahles Treppenhaus, in dem der Architekt den Fahrstuhl vergessen hatte, empfing sie. Ove folgte den schweren Tritten, die die Kampfstiefel auf den Treppenstufen vor ihm verursachten. Bis in den vierten Stock ging es hinauf. Er biss die Zähne zusammen und schwor sich, endlich mehr Sport zu machen. Gleich wenn er wieder zu Hause war.

 

Sie hatten das oberste Stockwerk erreicht. Jensen schlug zielgerichtet den Weg über den schmucklosen Flur ein. Es kam Ove vor, als wäre der Mann nicht zum ersten Mal hier.

 

»Lutz, wir sind es«, ließ sich Jensen lautstark aus und wummerte mit der Faust gegen die Tür. Verwundert sah er über seine Schulter hinweg zum Politikommissær. »Chef? Die Tür ist offen.«

 

»Warte!« Ove trat an Jensens Seite und zog zur Sicherheit seine Dienstwaffe. Die Wohnungstür stand einen Spalt weit offen. Das Schloss schien auf den ersten Blick intakt zu sein. »Lutz? Lutz Schiemann? Politikommissær Rassmussen vom PET in Søborg. Wir kommen jetzt rein.«

 

 »Muss das sein?« Jensen bemerkte entsetzt die Pistole in der Hand des Polizisten. Verunsichert folgte er dem Mann, der sichernd die Wohnung betrat. Der Anblick, den die Wohnung bot, verschlug dem Gefreiten die Sprache. »Kommissær? Was ist mit dem Sergeanten?«

 

»Stopp!« Rassmussen war unvermittelt im Durchgang zur Küche stehen geblieben. »Bitte fass nichts an und sichere die Wohnung an der Eingangstür.«

 

Auf den ersten Blick war für Ove ersichtlich, dass für den Mann, der dort am Boden lag, jede Hilfe zu spät kam. Schaum vor dem Mund, unnatürlich verdrehte Augen. Er sank auf die Knie und achtete dabei darauf, keine Spuren zu zerstören. Ein leichter Geruch nach Mandeln trat ihm in die Nase.

 

Es gab bedeutend angenehmere Arten, sich vom Leben zum Tode zu befördern. Seine Gedanken rasten ihm durch den Kopf, während er mit der Waffe in der Hand die angrenzenden Räume durchsuchte. Doch von einem potenziellen Täter war nichts zu entdecken. Was nun kam, war unschöne Routine.

 

In die Küche zurückgekehrt trat er vorsichtig an den leblosen Körper heran, ohne mögliche Spuren zu vernichten. Sein im Tode angstverzerrtes Gesicht, schaumiger Speichel quoll ihm aus dem Mund, blaue Lippen – für ihn deutete alles auf eine Vergiftung hin. Wie auch immer, Schiemann war tot, und das nicht auf eine natürliche Weise.

 

Rassmussen erhob sich und trat an das Fenster des Nebenraumes. Sein Blick ging hinaus auf eine nahezu menschenleere Retortenstadt. Die Nummer, die er wählte, lag auf seiner Kurzwahl. »Didde, ich denke, wir haben hier ein ziemliches Problem.«

 

 

 

Kapitel 2

 

 

 

Das heftige Prasseln des Regens auf dem Dach über ihr setzte unvermittelt ein. Hmm, es war schon Mittag, zwölf Uhr. Wozu auf die Uhr sehen? Tamara Leonhard verfluchte insgeheim den Monsunregen, nach dem man in dieser Jahreszeit die Uhr stellen konnte. Dazu kam diese Schwüle, die das Atmen manchmal zur Qual werden ließ. Ein leises Seufzen entrang sich ihrer Kehle. Selbst nach Jahren hatte sie sich nicht wirklich an die klimatischen Eigenheiten ihrer neuen Heimat gewöhnt. Mitten im April zeigte das digitale Thermometer eine nahezu gleichbleibende Temperatur von 34 Grad an. Selbst in der Nacht sank es kaum unter 25 Grad. An die hohe Luftfeuchtigkeit mochte sie gar nicht erst denken. Doch diese Werte unterschlug ihr die Wetterstation seit Wochen glücklicherweise und zeigte stattdessen nur ein Wirrwarr zerstreuter Striche an.

 

Und doch würde sie ihr Los mit nichts auf dieser Welt eintauschen wollen. Nicht, seitdem Neela in ihr Leben getreten war.

 

»Neela?« Tamara warf einen Blick über die Schulter und schenkte dem Mädchen im Nebenraum ein herzliches Lächeln. Das diese wohl kaum mitbekam, ergänzte die Mittdreißigerin für sich; mit einer fatalistischen Abgeklärtheit, wie sie nur die Mutter einer pubertierenden Tochter besaß. Ihr Spatz entwickelte sich eben immer mehr zu einem gesunden Teenager. Wie könnte man da mit Facebook oder Instagram konkurrieren! »Spatz, ist es denn für dich in Ordnung, dass ich drei bis vier Stunden außer Haus bin?«

 

Eine Antwort darauf zu bekommen, mutmaßte Tamara, wäre reiner Zufall. Sie widmete sich erneut dem Wagnis, ihren Mascara unfallfrei aufzutragen. Herrje, dieses ganze Make-up war noch nie ihr Ding gewesen. Man konnte auch ungeschminkt Stil und Klasse bewahren. Vor allem, wenn man, so wie sie, dabei noch passabel aussah. Zumindest so lange man sich nicht aufbrezeln musste, um einen nüchtern kalkulierenden Geschäftsmann zu überzeugen, ergänzte sie für sich. Davon, dass es für alle ein Gewinn wäre, wenn er seine gut betuchten Hotelgäste auf eine ausgeklügelte Safari durch den Wilpattu-National-Park kutschieren ließ. Selbstverständlich nur auf den von ihr ausgesuchten Wegen, die ihre Schützlinge in ihrem natürlichen Habitat kaum störten. Die Planungen dafür hatten Monate gebraucht, glitt sie weiter in ihren Erinnerungen ab.

 

»Spatz?« Ein letzter kritischer Blick in den Spiegel. Das Make-up saß und ihr Businesskostüm ebenso. Natürlich war es reichlich übertrieben, was sie hier aufstellte, doch dieser Termin war für alle unendlich wichtig. Das Wohlwollen des Arbeitgebers, das Weiterbestehen ihres Forschungsprojekts und letztlich das Wohl der Tiere hingen vom Erfolg ihrer Mission ab.

 

Neela stand plötzlich an ihrer Seite und sah sie aus ihren kohlschwarzen Augen an. »Ja, was ist denn, Mama?«, fragte sie im Singsang ihres Tamil und ergriff die Hand der Älteren.

 

Tamara kaschierte ihr leichtes Erschrecken mit einem liebevollen Lächeln und drückte die Hand des Mädchens an ihr Herz. »Schatz, ich hoffe, du weißt, wie wichtig das Gespräch mit dem Manager der Anuradhapura-Lodge für uns alle ist? Sonst hätte ich dem nie zugestimmt …«

 

»Es ist schon okay, liebe Mama.« Das Mädchen schwang übergangslos in die Muttersprache der Älteren um. »Ich bin doch kein kleines Kind mehr.«

 

In der Tat, Neelas Lachen wirkte wie das einer Erwachsenen. Tamara überfiel der erschreckende Gedanke, dass es in diesem Land Kinder im Alter ihrer Tochter gab, die durch ihre Familien längst verheiratet und verschachert waren. Ein schaler Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus, als die Schatten ihrer eigenen Vergangenheit sie packten. Andere Länder, andere Sitten, fiel ihr darauf trainiertes Unterbewusstsein umgehend ein. Zumindest hatte sie mit Neelas Adoption einem Kind dieses Schicksal erspart. Ihr Mädchen sollte es später einmal besser haben, schwor sie sich. Sie war ein so aufgewecktes Kind. Gerade was ihre Fähigkeiten betraf, sich in Fremdsprachen hineinzudenken. Neben den Dialekten ihrer Heimat sprach Neela mittlerweile fließend Deutsch und Englisch. Selbst das Dänische beherrschte sie weit besser, als es ihr damals … Die plötzlichen Erinnerungen an eine Zeit, die sie auf immer und ewig ausgesperrt glaubte, überfielen Tamara heftiger als der auf das Land niedergehende Monsunregen.

 

»Meine liebe, schöööne Mama«, Neela schmiegte sich an sie und gab ihren Worten dennoch einen Touch an Vorwurf mit. »Gehen deine Gedanken schon wieder marschieren?« Die Vierzehnjährige nahm ihre Mutter in den Arm und lachte belustigt auf, weil sie sie wieder überführt hatte. »Du gehst jetzt zu diesem Manager und zeigst ihm, was eine Leonhard auf dem Kasten hat. Und ich bereite uns ein schönes Wochenendmahl zu.«

 

»Drei, höchstens vier Stunden. Versprochen!«, kehrte Tamara Leonhard in die Gegenwart zurück und erwiderte die herzliche Umarmung ihrer Tochter. Es tat ihr in der Seele weh, dass sie dem Manager diesen Tag hatte zusagen müssen. Gerade an dem gemeinsamen Wochenende mit ihrer Tochter. Etwas, das ihnen nur alle drei oder vier Wochen möglich war, da Neela die restliche Zeit über am Royal College im fast zweihundert Kilometer entfernten Colombo lebte. Nur zaghaft löste sie sich aus der Umarmung ihrer kleinen Großen und strich sanft über das blauschwarz schimmernde Haar. Plötzlich hatte sie es eilig, ihre Sachen zusammenzuraffen. Je schneller sie fortkam, umso eher wäre sie wieder hier. Außerdem waren ihr solche Abschiede zuwider.

 

»Nein, kleiner Onkel«, schimpfte Tamara liebevoll, als sich ihr anderes Kind entschied, sich auf ihre Schulter zu schwingen. »Du musst dich jetzt um Neela kümmern. Ich muss arbeiten«, erklärte sie dem Languren-Äffchen und kippte ihren Oberkörper so, dass er protestierend auf den nächstbesten Tisch sprang. Wie ein richtiger Macho baute er sich mit seinen fast siebzig Zentimetern vor ihr auf und bedachte seine Ziehmutter mit einem keckernden Protest. Dabei krauste sich sein schwarzes Gesichtchen so sehr, dass es beinahe einen menschlichen Ausdruck annahm. Mit mühsam beherrschter Miene schimpfte Tamara liebevoll: »Jetzt hör auf zu meckern, Rassmus. Ich muss schließlich auch deine Früchte und Leckereien verdienen.«

 

Das schien der kleine Mann zu verstehen und sprang auf den Schoß seiner großen Schwester.

 

Tamara nutzte die Gelegenheit zu flüchten. Ein letzter Blick auf das ungleiche Paar, dann griff sie ihre Laptoptasche und eilte aus dem Haus, das ihnen Wohn- und Arbeitsstätte zugleich war.

 

 

 

Der Regen und das Wetter hatten ein Einsehen mit ihrer Frisur, dem Make-up und der Kleidung. Ihr gelang es, trocken in den alten, aber zuverlässigen Geländewagen hineinzukommen. Kurz darauf spürte sie das beruhigende Vibrieren seines Motors unter den Händen. Ein Blick in den Rückspiegel des Land Cruisers. Ihre langjährige Heimat wurde schnell vom dschungelartigen Wald verschluckt. Wenn ihr das Glück treu blieb, war die Straße am Maradanmaduwa Wewa vorbei trotz der Regenmassen, die in den letzten Tagen heruntergekommen waren, noch passierbar. Ihre nächsten Nachbarn vom Maradanmaduwa Dormitory hätten sie sonst gewiss informiert. Somit lag es im Bereich des Möglichen, dass es ihr gelang, die knapp zwanzig Meilen zu ihrem Ziel in gut einer Stunde zurückzulegen. Im Grunde verabscheute sie solche Ausflüge in die Zivilisation, wie sie es nannte. Es gab für eine leitende Biologin auch so genug zu tun. Wenn da nur nicht immer das leidige Thema um das Geld wäre. Die Staatskassen waren leer. Und selbst etliche Jahre nach diesem schrecklichen Bürgerkrieg war jeder hier auf die Rupien und Dollars angewiesen, die von den zahlenden Touristen ins Land gebracht wurden. Tamara wischte die Gedanken, die eh zu nichts führten, ein weiteres Mal beiseite. Was war heute nur mit ihr los?

 

Sie ergriff das Lenkrad fester und nahm sich vor, sich auf die Strecke vor ihr zu konzentrieren. Die nächsten zehn Meilen über würde sie erst durch Wald und dann durch ausgedehntes Buschland fahren. Wunderschön an sich, doch auch eintönig. Und besonders gefährlich, wenn es darum ging, sich Gedanken über Gott und die Welt zu machen, zerbröselte ihr eben gefasster Vorsatz. Alles Mögliche würde ihr wieder durch den Kopf gehen. Ganz gewiss! Das war eines der wenigen Dinge, die sie sich gern von ihrem alten Leben her bewahrt hätte. Ausharren, alle unnötigen Gedanken und Gefühle ausblenden, um sich einzig auf das Wesentliche zu konzentrieren. Nein, jetzt nur nicht auch noch daran denken, flehte Tamara vergebens. Doch längst waren ihre Erinnerungen geweckt und hatten sich wie ein schleichendes Gift in ihr ausgebreitet. Schon vorhin, als sie sich zum ungezählten Male gefragt hatte, warum sie ihrem Languren damals unbedingt den Namen Rassmus gegeben hatte. »Sh…«, verschluckte sie ihren Fluch und ergab sich den auf sie einstürmenden Gedanken.

 

 

 

Wider Erwarten hatte Tamara sich und ihr Kopfkino dann doch in den Griff bekommen. Die urwaldartige Gegend war fast übergangslos der lichten Steppe gewichen. Sogar einen ihrer Sri Lanka Leoparden hatte sie kurz zu Gesicht bekommen. Leider war er zu weit entfernt, als dass sie ihn an der Zeichnung seines Fells erkannte. Auch für ihn und seine Artgenossen war es so immens wichtig, dass sie den Zuschlag bekam, fasste sie neuen Mut.

 

Gleich nachdem sie den Hunuwilgama-Eingang, eine der Hauptzufahrten zum Wilpattu-National-Park, hinter sich gelassen hatte, nahm der Verkehr spürbar zu. Und doch kam sie über die A12 in Richtung Puttalam schnell voran. Weit vor der Zeit erreichte sie den Parkplatz einer Hotelanlage, die für sri-lankische Verhältnisse nahezu pompös wirkte.

 

Es war, als betrete sie beim Durchschreiten des Eingangsportals eine andere Welt. Zumindest was das Klima betraf, dachte sie und verharrte einen Moment lang im kühlen Luftstrom, den eine funktionierende Klimaanlage erzeugte. Selbstbewusst nahm sie den Weg an die Rezeption auf, wo eine attraktive Frau sie bereits mit einem herzlichen Lächeln erwartete.

 

»Suba davasak«, grüßte Tamara ihr Gegenüber und zog es dann doch vor, ihr Anliegen auf Englisch vorzubringen. Das Singhalesisch war einfach nicht ihr Ding. »Mein Name ist Tamara Leonhard, ich bin die Leiterin der Maradanmadu Wildhüterstation und habe einen Termin mit Mister Albright.«

 

»Mister Albright ist leider noch in einer Konferenz«, entschuldigte die Rezeptionistin den Manager des Hotels. »Er bittet um etwas Geduld und hat mich gebeten, Ihnen solange jeden Wunsch zu erfüllen.«

 

Tamara sah auf ihre Armbanduhr. Sie war zwar vor der Zeit eingetroffen, und doch sagte etwas in ihr, dass ihr Gesprächspartner beabsichtigte, sie warten zu lassen. Äußerlich gelassen deutete sie an, dass auch ihre Zeit knapp bemessen sei.

 

»Es handelt sich wirklich nur um eine kurzzeitige Verspätung.« Mit diesem Versprechen geleitete die junge Frau ihre Besucherin in die angrenzende Lounge, die auf den ersten Blick verriet, welch solvente Klientel das Hotel besaß.

 

Mit einem leichten Weißwein und einer Karaffe Eiswasser wurde Tamara in einer der gemütlich aussehenden Sitzgruppen geparkt und mit einem weiteren, vertröstenden Kommentar sich selbst überlassen.

 

Tamara lebte lange genug in diesem Land, um zu wissen, dass eine kurzzeitige Verspätung so gut wie alles bedeutete. Wenn sie in einer Stunde noch immer hier herumsaß, nahm sie sich vor, würde sie den Mann selbst aufsuchen. Sie nippte von dem kühlen Nass, nahm einen kleinen Schluck von dem angenehm milde schmeckenden Wein und ließ sich von der leisen Pianomusik einfangen, die durch den Raum schwebte. Interessiert sah sie sich um. Alles um sie herum strahlte ein luxuriöses Ambiente aus, das einem fast den Atem nahm. Selbst der Sichtschutz, der die einzelnen Separees hier voneinander trennte, bestand aus heimischen Gewächsen, deren Grün alles zu überwuchern drohte. Hier wurde Privatsphäre wirklich großgeschrieben.

 

Sie ließ sich zurücksinken und schloss entspannt die Augen. Doch statt der Klaviermusik drängte sich das leise Gespräch aus der benachbarten Sitzgruppe in ihre Aufmerksamkeit hinein. Das, und die Tatsache, dass sich ihre Nachbarn in einer ihr sehr vertrauten Sprache unterhielten.

 

»Det skal nok gå. Kun vejen koster en særlig indsats.«

 

Dänisch? Und das hier, am anderen Ende der Welt? Was für ein Zufall. Tamara öffnete ihre Augen und suchte einen verstohlenen Blick auf die Sprechenden zu werfen. Doch der Urwald zwischen ihnen ließ sie die Männer kaum erkennen.

 

»Diplomatisk bagage kontrolleres ikke«, kam es von einer weiteren Person. Sein harter Sjælland-Dialekt war weit schwerer zu verstehen, als das Sønderjysk des ersten Mannes.

 

Lange verschüttet geglaubte Erinnerungen überschwemmten Tamara und fesselten sie an ihren Platz. Nur langsam wurde ihr bewusst, welch einen brisanten Inhalt diese Unterhaltung besaß. Hinzu kam diese gefühllose Kälte in der Stimme des Sjæländers, mit der er das Gespräch dominierte. Schrecken und Verwunderung fraßen sich zugleich in sie hinein und ließen ihr den Atem stocken. Das Gespräch drehte sich immer deutlicher um einen unmittelbar bevorstehenden Waffenhandel. Mit Billigung und Unterstützung von gewissen Politikern und Militärs womöglich. Namen, Waffensysteme und Orte, die sie aufschnappte, ohne dass es ihr in den Sinn kam, sich diese zu merken. Zu verstörend war all das, was sie hier mit anhören musste.

 

Nein, das ist nicht deine Baustelle, erwischte Tamara sich bei dem Gedanken, das Gehörte den Behörden zu melden. Das interessierte hier niemanden. Nur keine schlafenden Hunde wecken, beschwor sie sich und ihren archaischen Gerechtigkeitssinn. Dieser Vorsatz zerbrach spätestens in dem Moment, als sich die Männer über gewisse Risiken unterhielten und Namen fielen. Personen, die nicht mitspielen würden oder sich offen dagegenstellten, seien umgehend zu eliminieren.

 

»Und was ist nun mein Part an der ganzen Sache?«

 

»Es sind deine Kontakte zur Han-Dojeng-Triade. Sie sind für uns unbezahlbar.«

 

Eiseskälte krallte sich bei dem Namen, der fiel, tief in Tamaras Herz hinein. Han Dojeng … Scharf sog sie die Luft in sich hinein und hatte doch das erstickende Gefühl, unter Wasser atmen zu müssen. Alles war wieder da, riss sie in den Sog ihrer schmerzvollen Erinnerungen. Das Wasser … der heiße Sandstrand auf Phuket. Ein Mann mit einer silbernen, im Sonnenlicht glänzenden Waffe in der Hand … ihre Karen … das Blut und der langsam brechende Blick … alles … war so präsent.

 

»Frau Leonhard?«, drang eine Stimme schwach zu ihr durch. »Frau Leonhard, geht es ihnen nicht gut?«

 

Erschrocken zuckte die Angesprochene zusammen, als eine Hand sie sanft an ihrer Schulter berührte. Verstört sah sie zu dem Mann auf, der mit einem zuvorkommenden Lächeln vor ihr stand und auf sie hinabblickte. Wer wusste, wie lange schon?

 

»Ja«, kroch ihr ein Krächzen die Kehle hinauf. Nur unter Mühen gelang es Tamara, ihre nähere Umgebung wahrzunehmen. Die Stimmen aus der benachbarten Sitzgruppe waren verstummt. Nur mit größter mentaler Kraftanstrengung gelang es ihr, sich aus der Sitzgelegenheit zu erheben und wie zufällig einen Blick durch das Grün der Pflanzen zu werfen. Da, das musste der Sjæländer sein. Dieser harte Blick, dem sie für Sekundenbruchteile begegnete, ehe sie sich der Aufmerksamkeit ihres Gastgebers widmen musste. Kalte, stechende Augen, die ihr erneut das Blut in den Adern gefrieren ließ.

 

»Timothy Albright«, stellte sich der Mann, der sie um Haupteslänge überragte, vor und eroberte ihre Hand. »Es freut mich sehr, dass wir uns endlich persönlich kennenlernen.«

 

»Tam…«, brach sie unvermittelt ab, als ihr siedend heiß einfiel, dass sie hier vor den Männern auf keinen Fall ihren Namen nennen sollte. »Ja, ich freue mich auch, Mister Albright.«

 

»Wenn Sie mir bitte folgen wollen.« Einladend wies der Manager ihr den Weg, der sie unweigerlich an den beiden Übeltätern vorbeiführen würde. Doch diesmal war sie darauf gefasst, die Aufmerksamkeit der Männer über sich ergehen zu lassen und ihnen gar zu begegnen.

 

Kurz trafen sich auch ihre Blicke mit dem zweiten Mann. Der, mit dem angeblichen Draht zum Han-Dojeng-Clan. Fahle Augen, denen eine wirkliche Farbe fehlte, soweit sie erkannte. Er besaß ein auffällig unauffälliges Alltagsgesicht, in und an dem man weder ein Alter noch etwas Prägnantes festmachen konnte. Über einer Jeans und einem weißen Poloshirt trug er ein Sakko in einer unmöglichen, kackbraunen Farbe. Sein fisseliges, blondes Haar wirkte ungepflegt und wuchs ihm über die Ohren und den Kragen. Unweigerlich musste sie an ein Frettchen denken.

 

Dann galt es, nicht den Anschluss an Albright zu verlieren, der sich längst um die eigene Achse gedreht und auf dem Weg zu seinem Büro war. Ohne darauf zu achten, ob sie ihm überhaupt folgte.

 

Mit einem vagen Lächeln, das sie sich förmlich abringen musste, ging sie an den beiden aufmerksam gewordenen Männern vorbei. Sich dabei bewusst, dass deren Blicke sich ihr tief in den Rücken bohrten.

...

 

Wie es weiter geht erfahren Sie auf den insgesamt 564 Seiten des Buches.

 

 

 

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