Kapitel 1

 

Der Stadtteil Blankenese an einem sonnigen, kalten Januartag. Hamburgs Nobelwohnort lag um diese Zeit wie erstarrt in seinem Winterschlaf. Kalt und unpersönlich für diejenigen, die nicht mit dem goldenen Löffel geboren waren. Oder für die, die nicht mehr hierhergehörten, verglich die stumme Beobachterin in ihr.

 

»Und du hast es dir ernsthaft überlegt?« Der kurze Blick der Fahrerin streifte die Passagierin, die wie erstarrt neben ihr saß.

 

»Du musst die nächste Straße links rein«, kam es kaum verständlich über die verkniffenen Lippen der Mitfahrerin.

 

»Ich weiß.« Sybille Martens schluckte ihren aufkeimenden Unmut herunter und betätigte den Blinker ihres altersschwachen Golfs. Niemand, nicht einmal sie selbst mochte ermessen, was ihre beste Freundin in den letzten Monaten hatte durchmachen müssen. Ganz zu schweigen von der Zeit davor. »Nur finde ich es nicht gut, dass du da allein reingehen willst.«

 

Funkstille. Typisch Silje! Es wäre vergebens, darauf zu hoffen, dass sie einlenkte. Ärgerlich über sich selbst und darüber, dass sie bereit war, mit der Freundin dieses Ding zu drehen, bog sie in die Straße Wilmans Park ab.

 

Von alten Bäumen und noblen Villen gesäumt, schlängelte sich die wie ausgestorben daliegende Straße den sanften Abhang hinunter. Am Fahrbahnrand türmten sich schmutziggraue Schneehaufen, die an die letzten heftigen Schneefälle erinnerten, die Hamburg heimgesucht hatten.

 

»Du kannst dort vorn anhalten.« Silje Nehrmann deutete auf einen freien Parkplatz und zog den Reißverschluss ihrer dunklen Fleecejacke bis unter das Kinn.

 

Die Fahrerin lenkte ihren Wagen in die freie Lücke am Straßenrand. Der Motor erstarb und hinterließ ein bedeutungsschweres Schweigen.

 

»Silje?« Sybille Martens musterte die Freundin, die ganz damit beschäftigt war, sich für ihr riskantes Vorhaben vorzubereiten. Mit ihrem Outfit und der an den Tag gelegten Entschlossenheit wirkte sie wie ein weiblicher James Bond. »Ich habe ein echt mieses Gefühl bei der ganzen Sache.«

 

Statt auf die besorgte Feststellung ihrer Gefährtin einzugehen, beschäftigte diese sich ausschließlich damit, eine störrische Strähne ihres langen roten Haares unter die Wollmütze zu verbannen.

 

»Silje!«

 

»Nein, Spatzi.« Der sonst so milde Blick bannte die aufgebrachte Freundin an ihren Platz. »Ich bin dir dankbar, dass du mich hierhergefahren hast und Schmiere stehst. Doch der Rest ist allein meine Sache.«

 

»Aber …«

 

Statt ihr zu antworten, öffnete die zu allem entschlossene Frau die Tür und sprang behände hinaus. Nur um kurz darauf hinter der hochgewachsen Rhododendronhecke zu verschwinden, die das Grundstück der von Gernhausen’schen Villa umschloss.

 

Wie ein Einbrecher schlich sich Silje Nehrmann die geschwungene Auffahrt zum Anwesen hinauf. Dabei war es keine zehn Monate her, dass sie hier ein- und ausgegangen war. Sie horchte prüfend in sich hinein, suchte nach einem Bedauern, das sich partout nicht einstellen wollte. Letztlich war es nur ein goldener Käfig, aus dem sie ausgebrochen war. Nein, sie bedauerte nichts von dem, was seither geschehen war. Schluss! Sie musste aufhören, sich davon beeinflussen zu lassen. Nicht jetzt!

 

Silje konzentrierte sich auf das Knirschen des Kieses unter den Sohlen ihrer Sneakers und auf das Ende der Bepflanzung. Da lag es vor ihr, das Haus, das einmal auch ihres gewesen war. Ein sichernder Blick zum Nachbargrundstück. Bewegte sich da nicht eine Gardine? Dort im ersten Stock. Die alte Havekost, stellte die nüchterne Stimme in ihrem Kopf fest. Sie würde sich beeilen müssen. Gut anzunehmen, dass diese Hexe bei Hartmut anrief, um ihm brühwarm zu erzählen, wer sich hier aufhielt. Verdammt, sie würde weniger Zeit haben als geplant.

 

Alle Vorsicht vergessend sprintete sie über den Wendeplatz der Auffahrt und die imposante Freitreppe hinauf. Das Adrenalin schoss durch ihren Körper und ließ die Finger zittern, als diese versuchten, den Schlüssel im Türschloss unterzubringen. Nein, das durfte nicht sein. Nicht jetzt! Hartmut hatte das Schloss austauschen lassen. Der Schweiß rann ihr brennend den Rücken hinab, während sie fieberhaft nach einem Ausweg suchte, um ins Haus zu gelangen. Die Blumenschale … Silje zwang sich dazu, den Topf nicht von der Brüstung zu fegen, um an den dort deponierten Schlüssel zu gelangen. Das war schon immer so gewesen. In gewissen Dingen war Hartmut so berechenbar.

 

Stille umfing sie, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Hatte sie etwas anderes erwartet? Partymäuse, eine Nachfolgerin? Wohl nicht.

 

Sie musste an ihren Safe kommen, hämmerte es in ihrem Kopf. Zielstrebig eilte sie die Treppe in das obere Stockwerk hinauf. Der Gedanke an ihre ehemalige Nachbarin trieb sie voran. Wenn diese sie bemerkt hatte, würde Hartmut keine zwanzig Minuten benötigen, um von der Kanzlei hierherzukommen. Silje riss die Tür zu ihrem Ankleidezimmer auf und prallte erschrocken zurück. Das Chaos, das sich ihr präsentierte, raubte ihr den Atem. Alle Schranktüren standen offen; wenn sie nicht gar eingetreten oder aus den Angeln gerissen waren. All ihre Kleider, die sie hiergelassen hatte, lagen verstreut auf dem Boden. Und damit nicht genug. Ein Stöhnen entrang sich ihrer Brust und zwang sie auf die Knie. Das Armanikleid, das sie damals zu Karinas Hochzeit getragen hatte –, von oben bis unten aufgeschnitten. Das nächste, das folgende, alle Kleidungsstücke, die ihre Hände erfassten, waren zerschnitten, zerrissen oder irgendwie sonst beschädigt. Hasste Hartmut sie so sehr, dass er alles, was sie besaß, blind zerstörte? Noch immer?

 

Auf allen Vieren kroch sie zu dem Kleiderschrank, unter dessen doppeltem Boden sie ihr ganz persönliches Versteck wusste. Hatte ihr Exmann auch hier für vollendete Tatsachen gesorgt? Das durfte nicht sein. Sie brauchte ihr Tagebuch und die Papiere, die sie hier deponiert hatte und an die sie bislang nicht herangekommen war.

 

Die Holzplatte über dem Versteck war wie verschweißt. Ein zweiter Fingernagel brach ihr bis auf das Nagelbett ab und trieb ihr das Wasser in die Augen. Schluchzend versenkte Silje ihre Hand in dem Stoffhaufen neben sich. Statt einer Linderung erfühlten die Finger einen festen Gegenstand. Die Schere, mit der Hartmut die Kleidung zerschnitten hatte, war ihr rettender Anker. Mit einem kratzenden Geräusch löste sich die Platte aus ihrer Verankerung und gab endlich das Versteck frei.

 

Das Vibrieren an ihrem Körper ließ Silje erschrocken zusammenfahren. Fahrig fummelte sie das Handy aus ihrer Jacke. Sybille? »Ja, was ist?« Ihre Stimme kam ihr selbst fremd vor. »Kommt da wer?«

 

»Du musst dich beeilen.« Die Freundin klang gehetzt. »Da steht eine Frau vor dem Nachbarhaus und sieht zu euch rüber. Sie scheint etwas bemerkt zu haben.«

 

»Warum bist du nicht im Auto geblieben?«

 

»Komm raus, wir versuchen es ein anderes Mal. Nein … Verdammt, jetzt kommt auch noch ein Auto die Auffahrt rauf.«

 

Siljes Herz setzte für einen langen Moment aus, ehe sie mehr unbewusst handelte. Sie griff sich ihren geliebten Missonischal, raffte die wichtigen Unterlagen zusammen und wickelte diese in ihn hinein.

 

»Silje, wo bist du!!!«, überschlug sich die Stimme der Freundin im Handy. »Es ist dein Exmann. Und er kommt gleich ins Haus!«

 

Mit zusammengebissenen Zähnen verknotete Silje den Schal und kam mit ihrer Last taumelnd in die Höhe. Was, wenn Sybille recht hatte? Ihren Besitz in der einen, das Handy in der anderen Hand, huschte sie zum Fenster und riss es auf. »Bille, wo bist du?« Keine Antwort, doch der Blondschopf der Freundin leuchtet vor dem dunklen Grün der Koniferen. »Schnapp dir die Sachen und warte im Auto auf mich.« Silje riss das Fenster auf. Es war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus, als sie das eigentümliche Paket im hohen Bogen hinauswarf.

 

Und nun? Ein Blick über die Schulter. Sie musste fort von hier. Hartmut würde mittlerweile das Haus betreten haben. Silje sprang über die traurigen Überreste ihrer Kleidung hin zur Tür. Wusste ihr Ex, dass sie hier eingebrochen war? Hatte Frau Havekost ihn informiert? Oder war er nur zufällig so früh aus der Kanzlei heimgekehrt?

 

Der Flur zur Treppe hin war frei. Alarmierend war, dass nicht das leiseste Geräusch von unten zu ihr heraufdrang. Jetzt musste sie nur diese dreizehn Stufen und die paar Meter über den Flur zur Haustür hin überwinden. Wenn sie schnell war und noch mehr Glück hatte, wären es Sekunden. Und Hartmut würde nicht einmal mitbekommen, wer hier eingestiegen war. Silje nahm all ihren Mut zusammen. Nahezu lautlos überwand sie die Treppe und hastete über die hellen Fliesen des Flures.

 

Die Haustür war zum Greifen nah, als ein derber Schlag sie von der Seite her erfasste und gegen die Wand katapultierte. Hart prallte sie mit ihrer Schulter und dem Kopf auf das Mauerwerk und sackte zu Boden. Hartmut hatte ihr aufgelauert. Er hatte die ganze Zeit über gewusst, dass sie sich hier im Haus befand. Die Erkenntnis schlug mit einem heftigen Schmerz über sie zusammen.

 

»Was hast du hier zu suchen, du undankbares Miststück?«, drangen seine Flüche wie durch Watte auf sie ein. Der harte Griff, mit dem er sie an den Oberarmen packte und emporriss, ließ den Schmerz, der sie durchtobte auf ein noch höheres Level schnellen. Ein weiteres Mal stieß er sie grob gegen die Wand, wobei er sie mit wütenden Verwünschungen, Flüchen und Schlägen traktierte.

 

Silje war sich bewusst, dass es nur eine Frage von Sekunden war, bis seine Wut auf sie und das, was sie ihm in seinen Augen angetan hatte, in einem Tobsuchtsanfall endete. Die Küche! Sie musste in die Küche kommen. Von dort ging eine Tür hinaus in den Garten. Der nächste Stoß ließ sie vorantaumeln. Die Gelegenheit, Abstand zu gewinnen. Das hier war einmal ihr Reich gewesen. Selbst jetzt, wo es sprichwörtlich um Leben und Tod ging, fiel ihr auf, wie verwahrlost all das hier wirkte. Weiter, sie musste weiter, trieb sie sich und ihren geschundenen Körper an. Schon traf sie der nächste Schlag in den Rücken und ließ sie haltlos herumschleudern.

 

Die Kante der marmornen Arbeitsplatte bohrte sich schmerzhaft in Niere und Hüfte, als sich der Rasende förmlich auf sie warf. Seine Hände fuhren ihr an den Hals und drückten erst langsam, dann immer kräftiger zu. Dieses selbstgefällige Lachen, dieser Blick, der in einer Mischung von maßloser Wut und beginnendem Irrsinn auf ihr ruhte, fraß sich in Siljes Bewusstsein hinein. Sie spürte, wie die Atemnot sie einer Ohnmacht entgegentreiben ließ. Und doch schrie etwas in ihr, dass sie gefälligst um ihr Leben zu kämpfen hatte. Hartmut würde sie umbringen und selbst damit vor dem Gesetz durchkommen. Er wäre erneut der, der triumphieren würde. Dieser aalglatte, selbstverliebte und durch und durch verdorbene Mensch, der alle anderen für sich einspannte und für seine Ziele missbrauchte.

 

»Har…«, drang ein Röcheln aus ihrer geschundenen Kehle hervor. Keine Flucht mehr möglich. Die Schatten begannen sich bereits an den Rändern ihrer Wahrnehmung zu sammeln. Ihre Hände gaben die Stahlkrallen frei, die ihr das Leben aus dem Körper sogen; sanken zur Seite, wischten ziellos suchend umher. Und dann war da dieser Gegenstand, den die Rechte umstieß. Der Messerblock. Die Finger spürten den Griff eines der Messer, schlossen sich drum. Mit letzter Kraft riss sie die Klinge hoch und stieß sie in Richtung ihres Peinigers.

 

 

 

.....  Und nun zu einem Textabschnitt der mir eine der liebsten ist. Ihre Katharina Mohini

 

 

***

 

 

 

Silje hatte sich nicht sattsehen können an der Großartigkeit, mit der die Natur sie um Blåvandshuk empfing.

 

Zu Beginn war ihr noch das Grauen gekommen, als sie den überfüllten Parkplatz bei dem eindrucksvollen Leuchtturm erreichte. Das sonnige Wetter hatte offenbar jeden Touristen der näheren und weiteren Umgebung hierhergelockt. Trotz allem hatte sie sich nicht einschüchtern lassen. Schnell war sie in ihre Gummistiefel geschlüpft, die sie wohlweislich im Kofferraum untergebracht hatte und schlug den Weg ein, auf dem es in Richtung Strand ging.

 

Majestätisch, alles andere überragend, lag der weiße Leuchtturm vor ihr. Hervorgehoben durch den charakteristischen rotbraunen Zierfries, der sein Strahlen zusätzlich verstärkte. Ob man da auch hinaufsteigen durfte? Später, wenn sie zurückkam, nahm sie sich vor. Entschlossen stapfte Silje durch einen sandigen Hohlweg, der sich durch die meterhohen, grasbewachsenen Dünenhügel schlängelte. Zu ihrer Rechten nahm sie einen schäbigen Betonklotz wahr, der überhaupt nicht in die Landschaft zu passen schien. Bedrohlich grau erinnerte er an eine unrühmliche Zeit, in der die Deutschen nicht als Gäste gekommen waren.

 

Dann lag sie plötzlich zum Greifen vor ihr. Diese unendliche Fläche aus gras- und buschbewachsenen Dünen, der riesige Strand und die grenzenlose Weite des Meeres. Das erhabene Gefühl, das einen übermächtig in die Arme schloss und das Herz aufgehen ließ. Bis nach hier oben, am Rande der mächtigen Düne, drang das besänftigende Rauschen des Meeres zu ihr herauf. Untermalt von einem leisen Donnern, das unverkennbar aus Richtung Norden kam. Von dorther, wo eine scharfe weiße Linie im Grünblau des Wassers stand. Wellen, die sich mitten auf dem Meer brachen.

 

Ehrfürchtig setzte Silje einen Schritt vor den anderen; tastete sich den breiten, ausgetretenen Weg an den Strand hinab. Diese Weite, diese herrliche Weite, überfiel der atemlose Eindruck das Stadtkind in ihr. Da war dennoch kein Erschrecken; im Gegenteil. In all dieser Weite fühlte sie sich sogleich geborgen. Wie es einem das Herz aufgehen ließ, wenn der Wind neckisch mit ihrem offenen Haar spielte. Die feinen Sandkörnchen, die zu ihren Füßen aufwirbelten und in kleinen Windhosen den Strand entlangzogen. Sie war so schutzlos und doch so geborgen.

 

Silje war dem fliegenden Sand gefolgt. Der angenehm warme Wind in ihrem Rücken trieb sie stetig voran. Vorbei an den Familien mit herumtollenden Kindern. Vorbei an den Personen, die ihre Hunde frei herumlaufen ließen, und den Schatzjägern, die am Spülsaum des Wassers nach Bernstein suchten. Je weiter sie ging, desto weniger Menschen begegneten ihr. Abgelöst wurden sie von Vogelschwärmen. Sie erkannte Möwen der unterschiedlichsten Arten. Und sogar Sandregenpfeifer, die auf ihren dünnen Beinchen aufgeregt am Wassersaum entlangliefen und im Sekundentakt irgendwelche Leckereien fanden.

 

Irgendwann schwenkte Silje nach rechts ab und begab sich an den Fuß der Dünen, die sich vor und hinter ihr bis zum Horizont hin erstreckten. Sie setzte sich und sah mit tränenblinden Augen auf das Meer hinaus. Eine eigentümliche Stimmung hatte sie erfasst und nahm sie mit sich. Der milde Wind um sie herum streichelte nicht nur singend durch die hohen, stabilen Gräser, sondern auch durch ihr Herz, ihr Gemüt. Das Lied der ungestörten Natur sog alles Schwarze aus ihr heraus. Sanftmut strömte in all die Wunden, die ihr das Leben und sie selbst sich zugefügt hatte. Sie ließ es einfach mit sich geschehen und sank mit dem Oberkörper zurück in das Bett aus Gras und feinem Sand.

 

 

 

Silje wusste nicht, wie lange sie so dagelegen hatte. Zwischendurch musste sie sogar eingeschlafen sein, ging es ihr durch den Kopf. Sie erhob sich und klopfte, so gut es ging, den Sand aus ihrer Kleidung. Das Gefühl, das sich in ihr ausgebreitet und festgesetzt hatte, blieb und füllte sie mit einer Zufriedenheit aus, die sie selten so intensiv in sich gespürt hatte. Ihr gesamtes Leben lang nicht.

 

Das Bild des Strandes hatte sich verändert. Das Wasser zog sich weiter zurück, je näher sie ihrem Ausgangspunkt kam. Selbst das sanfte Donnern der Wellen, die den Saum des Indre Horns Rev bildeten, blieb langsam hinter ihr zurück. Der Leuchtturm schob sich in das Zentrum ihres Blickfeldes. Erneut nahm seine imposante Präsenz ihre Aufmerksamkeit gefangen. Das Weiß seines Mauerwerks blendete sie in der tiefer stehenden Sonne. Seine Zinnen, die an eine wuchtige Burg aus früheren Zeiten erinnerten. Zuoberst die glänzend rote Haube, in der gewiss die ganze Elektrik und die Prismen untergebracht waren. Ja, sie wollte dort hinauf, wollte in die Welt hinausschreien, dass sie endlich glücklich war. Frei von allen Zwängen und Ängsten. Frei von Hartmut und all den Menschen, die ihr das Leben zur Hölle gemacht hatten.

 

Silje kehrte auf dem Weg zurück, den sie vorhin genommen hatte und der sie direkt zum Turm führte. Die Tür des viereckigen Bauwerks stand offen. Sie sprach einen Mann an, der kurz zuvor dort herausgekommen war. Er deutete auf das Gebäude zu ihrer Linken und sagte etwas auf Dänisch, das sie nun gar nicht verstand.

 

Das Schild sprach davon, dass hier im alten Leuchtturmwärterhaus die Ausstellung zum Offshore-Windpark und eine Touristinformation untergebracht waren. Hoffentlich ließ man sie hier mit ihren Gummistiefeln herein? Letzteres, durfte Silje gleich darauf erfahren, war kein Problem. Wie so manches hier in Dänemark.

 

Interessiert schaute sie sich bei den ausgelegten Broschüren um, während sich die Angestellte mit einem Mann in einem schnellen, nicht annähernd verständlichen Dänisch unterhielt. Sie verstand nicht eines der Worte und doch ertappte sie sich dabei, wie sie den melodischen Klang der Stimmen in sich aufsog. Ob man sie hier überhaupt verstehen würde? Bislang war sie immer davon ausgegangen, dass jedermann hier Deutsch verstand und auch sprach. Wie anmaßend war das eigentlich? Warum begann sie nicht gleich damit, sich anzupassen? Wenn sie hierbleiben wollte, würde sie wohl oder übel diese Sprache erlernen müssen.

 

»Hallo, kann ich dir helfen?«

 

Silje erwachte aus ihren Gedankengängen und lächelte erlöst, ohne sich davon abbringen zu lassen, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. »Gott Dag«, betonte sie buchstabengetreu die Begrüßung und entlockte der Frau hinter dem Tresen ein warmherziges Lächeln. Nur war damit ihr bislang erlernter kompletter Sprachschatz völlig ausgeschöpft. »Ich … es tut mir leid, aber mehr Dänisch beherrsche ich nicht. Ich hoffe, ich kann deutsch mit Ihnen reden?«

 

»Guten Tag«, entgegnete die Frau freundlich und fuhr in völlig akzentfreiem Deutsch fort: »Das ist kein Problem. Ich bin froh, wenn ich mit dir in meiner alten Heimatsprache reden kann.«

 

»Du … äh, Sie …« war die Überraschung perfekt. »Sie sind Deutsche?«

 

»Ja schon. Doch das ist hier nicht ungewöhnlich, meine ich. Bei mir war es die große Liebe, wegen der ich damals hiergeblieben bin.«

 

Ihr Lachen wirkte ansteckend und lockerte Siljes anfängliche Befangenheit so weit, dass sie sich zu der Bemerkung »Bei mir ist es eher umgekehrt« hinreißen ließ.

 

Ihr Gegenüber schien den Sinngehalt zu erfassen, ging aber nicht darauf ein. Froh darüber wechselte Silje das Thema: »Ich würde gern auf den Turm hinauf. Wäre das möglich?«

 

»Ja, natürlich. Du kannst die Karte hier kaufen. Übrigens, ich heiße Susanne, und du?«

 

Silje fühlte sich von so viel Freundlichkeit etwas überfordert. Ängstlich brachte sie ein »Sybille« hervor und ergänzte: »Es ist für mich immer noch ein wenig ungewohnt, dass ihr euch mit dem Vornamen ansprecht. Peder Wieland hatte da auch schon seine Schwierigkeit mit mir.«

 

»Peder?« Susanne lachte herzhaft auf. »Ja, Peder ist ein ganz Netter. Hast du bei ihm ein Ferienhaus gemietet?«

 

Silje nickte und bezahlte ihre Eintrittskarte. »Ja, es war gar nicht so leicht, eines zu bekommen, das man durchgehend bewohnen kann.«

 

Susanne nickte zustimmend. »Du bleibst für länger?«

 

»Erst mal für drei Monate.«

 

»Das wird eine schöne Zeit für dich werden, denke ich. Dann sehen wir uns doch hoffentlich öfter, oder?«

 

»Ja, gern, wenn es dir nichts ausmacht. Ich würde nämlich schon sehr gern mehr über das Land und die Leute hier erfahren. Und vielleicht lerne ich dabei sogar ein wenig Dänisch.«

 

»Wenn du magst, bin ich dir gern dabei behilflich. Wenn du Lust hast und vom Turm herunter bist, komm doch gern auf einen Kaffee herein.«

 

Das war ein Angebot, das konnte und wollte Silje nicht ablehnen. Voller Freude darüber, einen netten Menschen kennengelernt zu haben, nahm sie den Aufstieg in den Turm auf sich.

 

Einhundertsiebzig Stufen später trat Silje auf die windumtoste Plattform hinaus, die ihr einen atemberaubenden Ausblick auf die Welt unter ihr bot. Ein weiteres Mal erlebte sie das berauschende Gefühl, Teil von etwas ganz Besonderem zu sein. Das grenzenlose Meer lag glitzernd in der Sonne unter ihr. In der Ferne waren schwach die Silhouetten von Windrädern auszumachen. Sie taten dem faszinierenden Ausblick keinen Abbruch. Die große Heidefläche, die sich an die Dünen landeinwärts anschloss, war von Wegen, alten Bunkern und Fahrzeugspuren durchzogen. Von hier oben wirkte es wie das Muster einer Patchworkdecke. Gerade kroch ein Geländewagen wie ein Käfer über eine dieser Spuren. Ihr Weg entlang der Zinnen ließ ihren Blick über den Ort schweifen. Es war spannend, zu sehen, wie viele Häuser sich unter ihr ausbreiteten. Vergeblich suchte sie das ihre auszumachen, das von hier aus gesehen am Ende der Welt liegen musste.

 

 

 

Silje hatte seit dem heutigen Tag das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Und zudem hatte sie zwei Menschen kennengelernt, die sie dabei unterstützen würden, hier Fuß zu fassen. Der einzige Wermutstropfen war, dass sie diese belügen musste, wer sie wirklich war. Vor allen Dingen bedrückte es sie, dass die neue Freundschaft, die sie mit Susanne geschlossen hatte, über kurz oder lang schwierig werden würde. Wer ließ sich schon gerne belügen?

 

Silje steuerte den überfüllten Parkplatz in der Ortsmitte an und freute sich über die Lücke, die sich vor ihr auftat. Sie brauchte dringend einige Lebensmittel, wenn sie bis morgen nicht verhungern wollte.

 

Ob das hier immer so voll war? Auf dem Weg in den Supermarkt inspizierte sie die Kennzeichen der abgestellten Autos. Dänische waren definitiv in der Unterzahl. Viele trugen sogar das Hamburger Kennzeichen. Zum ersten Mal kam ihr der erschreckende Gedanke, dass jemand aus ihrem alten Leben sie wiedererkennen könnte. Unbewusst beschleunigte sie ihren Gang und flüchtete sich in den Supermarkt.

 

Bereits nach den ersten Metern fühlte sie sich von der Vielfalt und der farbenfrohen Aufmachung wie erschlagen. Schnell füllte sich der Einkaufswagen mit allerlei Lebensmitteln, die sie benötigen würde. Brot, Kaffee, Tee und vielerlei mehr. Erst die Getränkeabteilung bremste ihren Einkaufsrausch. Ein Sechserpack Mineralwasser entlockte ihr dann doch eine Schnappatmung. Umgerechnet zwei Euro für eine Flasche simplen Wassers? Die Limonade daneben schien kaum mehr zu kosten. In der nächsten Woche würde sie sich umgehend nach einer Arbeit umsehen müssen.

 

Weiter ging es durch die Lebensmittelabteilung. Schlachter hier, eine gut bestückte Salatbar dort. Ein junger Mann in der Kleidung eines Meny-Mitarbeiters kam ihr gerade recht. »Entschuldigen Sie bitte. Ich suche Geflügelfleisch.«

 

Er deutete freundlich lächelnd auf eine Kühltruhe vor ihr. »Das heißt bei uns Kylling eller Kalkun.«

 

Das waren für sie Begriffe, die nicht annähernd ähnlich klangen zu ihrem deutschen Gegenpart waren. Ob sie jemals Dänisch lernen würde? Zumindest sah das angebotene Fleisch frisch aus und war hygienisch verpackt. Leider waren es Portionen, die gut und gerne für drei Mahlzeiten reichten. Als Single benötigte man hier definitiv eine große Gefriertruhe.

 

Ihr Blick wanderte nachdenklich über die verschiedenen Truhen hinweg und blieb an einem Mann hängen, der ihr fast gegenüberstand. Ihr stockte das Herz, als sie in ihm genau den Menschen wiedererkannte, mit dem sie heute Morgen auf so dramatische Weise aneinandergeraten war. Oh Gott, sie spürte, wie ihr das Blut schlagartig zu Kopf stieg, zumal ihre Libido fröhlich feststellte, wie attraktiv dieser Mann wahrhaftig war. Anziehend, ja … aber definitiv zu jung! Das mittelblonde, etwas zu lange Haar und der verwegene Vier-Tage-Bart umrahmten ein schmales und doch markantes Gesicht, in dem viele kleine Lachfältchen zu Hause waren.

 

In diesem Moment wurde er von einem anderen Mann angesprochen. Die beiden schienen sich gut zu kennen. Silje stahl sich den Augenblick, ihn ungestraft weiter in Augenschein zu nehmen und seine Nähe auf sich wirken zu lassen. Der schmeichelnde Bass, mit dem er sich unterhielt, ließ selbst auf diese Entfernung hin die Härchen auf ihren Unterarmen vibrieren. Sein Lachen war so ganz anders als die Verwünschungen, die er für sie heute Morgen übrig gehabt hatte.

 

Der Gedanke schleuderte sie gnadenlos in die Realität zurück. Die Packung Hähnchenfleisch, die sie weiterhin in der Hand hielt, dürfte langsam durchgegart sein. Ehe sie sich beschämt abwenden konnte, geschah es, dass ein Junge an die Seite des Mannes trat und ihm Gläser entgegenhielt, die Schokoladencreme und Marmelade enthalten mochten. Umgehend verabschiedete sich der Mann mit einem Schulterklopfen von seinem Bekannten und widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem Kind. Siljes Herz ging auf, mit welch einer Milde er den jungen Mann ansah und die Gläser mit einem Augenzwinkern und einem lachenden Kommentar entgegennahm.

 

Der Junge, vielleicht mochte er acht oder neun Jahre alt sein, kam um die Truhen gelaufen und bremste kurz vor ihr ab, um in die Nachbartruhe zu schauen.

 

»Far, lad os spise bøf«, rief er dem vermutlichen Vater ausgelassen zu und öffnete die Truhe.

 

»Darf ich dir helfen?« Silje, die die Schwierigkeit des Jungen bemerkte, trat an seine Seite und deutete ins Innere. »Was möchtest du denn haben?«

 

Das Kind sah sie an und löste eine Erinnerung in ihr aus, die ihr Herz erneut heftig schlagen ließ. Es waren dieselben braunen Augen, die sie seit dem heutigen Morgen verfolgten. Er entgegnete ihr etwas auf Dänisch und deutete dabei aufgeregt in die Truhe. Kurzentschlossen packte sie den Jungen an den Hüften und hob ihn hoch, damit er selbst das Gesuchte für sich und seinen Vater fand.

 

Wurde ihr erst jetzt ernsthaft bewusst, dass sie durch ihre unüberlegte Aktion die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich lenkte? Siljes zufriedenes Lächeln verhungerte, als sie seinen Blick auf sich ruhen spürte. Einen Blick, der so alles beinhaltete, nur keine Freundlichkeit. Zweifellos hatte er erkannt, wer sie war. So musste es sein, wenn die Ohnmacht nach einem griff und alles in Watte verpackte. Nur nicht die peinlichen Momente.

 

Neben ihr hatte der junge Mann das Gesuchte erobert und hielt es ihr freudestrahlend entgegen. »Dankesööön, dass du mich gehelft hast.«

 

Alles glitt wie nebensächlich an ihr vorbei. Nur nicht die Blicke aus den dunklen Augen des Mannes, die sie gefühlt hier festnagelten. Es ließ erst nach, als das Kind an seiner Seite auftauchte und begeistert auf ihn einredete.

 

 

 

»Far, Far, wir haben zwei schöne Stücke bekommen.« Mikkel hielt seine Beute in die Höhe. »Die Frau hat mir geholfen. Far? Hörst du mir zu?«

 

Mads erwachte wie aus einer Trance, als Mikkel sich an seinen Arm hängte und aufgeregt auf ihn einredete. Als er wieder aufsah, war die Frau auf der anderen Seite der Tiefkühltruhen verschwunden.

 

Er hätte sie kaum wiedererkannt, wären da nicht ihre Augen gewesen, die ihn seit heute Morgen nicht mehr losgelassen hatten. Dunkelgrün waren sie, als sie ihn vor Wut und Schrecken nur so verschlangen. Ihr rotes Haar war das Nächste, das sich ihm unweigerlich einprägte. Wie es lang und in Wellen bis über ihre zarten Schultern fiel. Herr im Himmel, das durfte nicht geschehen, dass er sich ein weiteres Mal auf den ersten Blick verliebte! Das war noch nie gut ausgegangen.

 

»Far, was ist mit dir?« Mikkel war ein aufmerksamer Beobachter. Das stellte sich erneut heraus. »Kennst du die Frau?«

 

»Nein! Nein wie kommst du darauf?«

 

»Sie sieht sehr hübsch aus und sie hat dich die ganze Zeit über ständig angesehen.«

 

»Mikkel, bring bloß keine Gerüchte auf. Was ist schon an der Frau dran!«

 

»Sie ist ganz bestimmt eine Fee, oder eine Königin. Wie Merida! Ja, sie hat die Haare von Merida«, flüsterte Mikkel atemlos. »Und sie ist echt stark, weißt du.«

 

Verblüfft sah Mads seinen Sohn an und dann in die Richtung, in der die Frau verschwunden war. »Mikkel?«

 

»Ja?«

 

»Wie kommst du dazu, diese Frau zu mögen? Kennst du sie denn?«

 

»Weil sie dich lieb angesehen hat. Nicht so wie die anderen. Und nein, ich kenne sie nicht. Aber sie ist doch freundlich.«

 

Mads ging in die Hocke und umarmte den Jungen, der ihm eine Lektion erteilt hatte, ohne es zu wissen. »Weißt du, dass ich sehr stolz auf dich bin, mein Großer.«

 

Der Junge erwiderte die Umarmung seines Vaters und stellte pragmatisch fest: »Wir brauchen aber noch Gemüse zum Fleisch.«

 

 

 

Silje hatte es plötzlich eilig, das Geschäft zu verlassen. Völlig konfus packte sie irgendwelche Früchte und Lebensmittel ein und steuerte die Kassen an, vor denen sich die Massen stauten.

 

Seitdem sie diesen unmöglichen Mann wiedergesehen hatte, war so einiges in Aufruhr bei ihr, was nicht sein durfte. Was, wenn er sie ansprach? Was, wenn er sich gar über sie lustig machte? Letztendlich hatte er sie gefühlte Stunden lang nackt gesehen. Splitterfasernackt!!!

 

»Sie dürfen gerne weiter vorangehen«, forderte der Mann hinter ihr sie schmunzelnd auf.

 

»Danke, das ist höflich von Ihnen.« Ja, mussten diese Touristen denn immer gleich so hektisch sein?

 

 

 

.... Vielleicht hat Ihnen meine kleine Leseprobe gefallen? Zumal bereits zu dieser Zeit das Schicksal die Karten neu mischt. Wenn ja, dann würde ich mich freuen, wenn wir uns bald auf den 388 Seiten meines neuen Buches treffen werden, Ihre

 

Katharina Mohini

 

 

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