Leseprobe zu Az: Bauhaus - Das Dorf der Verdächtigen

Der grausige Mord an einer Prostituierten erschüttert ganz Norder-Holmstedt. Die Reaktionen reichen von ehrlicher Anteilnahme über Sensationslust bis zu unverhohlener Zufriedenheit.

Kriminalhauptkommissar Norbert Kreyenfoth vom K1 in Kiel übernimmt die Ermittlungen im „Baumhaus-Mord“. Dabei hatte sich der im Dienst ergraute Ermittler für seinen letzten Fall vor der Pensionierung etwas Spektakuläreres gewünscht – vielleicht den Mord an einem berühmten Filmstar oder an einem einflussreichen Industriemogul aufzuklären. Mit seinem arroganten Auftreten bringt KHK Kreyenfoth nicht nur die Damen des Baumhauses und dessen Managerin Janina Neuberger, sondern auch die Kollegen der örtlichen Polizeistation gegen sich auf. Ganz besonders den jungen Polizeimeister Thomas Ehlers.

 

Ein Verdächtiger ist für die Ermittler des K1 schnell gefunden und der Fall scheint damit erledigt. Doch das sehen Janina und Thomas anders. Deshalb beschließen die beiden den Fall – gegen jede Vernunft – auf eigene Faust zu klären und gemeinsam nach dem wahren Mörder zu suchen. Selbst auf die Gefahr hin, in die falschen Richtung zu ermitteln – sondern auch zu ihren mühsam unterdrückten Gefühlen füreinander stehen zu müssen.

 

Kapitel 1

 

Sie waren auf der richtigen Spur. Zwei Kühe kamen ihnen auf dem Feldweg entgegengetrabt. Als sie das Ungeheuer mit den blitzenden, blauen Lichtern gewahrten, machten sie schleunigst kehrt und liefen den Weg zurück.

Der Hauptkommissar hielt vor dem halboffenen Gatter. Die beiden Beamten stiegen aus und sahen sich nachdenklich um. Stille. Außer dem protestierenden Brüllen der Tiere dort auf der Weide und dem Gesang einer Feldlerche über ihnen war nichts zu hören.

»Wo ist denn nun die Tote? Zeigen Sie sie uns bitte.« Doch Mertens war nicht mehr dazu zu bewegen, auszusteigen. Seine zitternde Hand wies in Richtung des Fundortes.

»Ich komme gleich wieder«, versicherte Alfred Clasen dem Landwirt und gab Thomas das Zeichen, ihm zu folgen.

»Da ist es.« Thomas hatte den Gegenstand entdeckt, der völlig deplatziert zwischen Viehtränke und Weidezaun lag und definitiv nicht hierher gehörte.

Schweigend arbeiteten sie sich durch den Morast des von unzähligen Hufen zerwühlten Bodens vor. Dabei versanken sie nicht nur einmal bis zu den Knöcheln im Schlamm.

Die fiese Kälte, die ihm die Beine hinaufzog, verstärkte das bohrende Gefühl in Thomas. Erneut überfiel ihn die Angst, in der Toten keine Unbekannte zu finden. Janina … Die grauenhafte Vorstellung ließ ihn nur noch schneller voranstolpern.

Eine schwarze, handelsübliche Plastikplane, wie es sie wohl auf jedem Hof hier im Lande gab, verbarg den Großteil des Leichnams. Einzig im Bereich des Oberkörpers war sie gelockert worden und offenbarte ihnen den grausigen Inhalt. Niemand wagte, den anderen anzuschauen, geschweige denn etwas zu sagen. Es war definitiv eine Frau, soweit hatte Mertens recht. Zumindest war es nicht Janina, überschwemmte ihn die Erlösung. Thomas schloss die Augen und schüttelte angestrengt den Kopf. Einzig in der Hoffnung, den nächsten klaren Gedanken zu fassen.

Der leichte Wind, der aufgekommen war, spielte mit dem rotblonden Haar der Toten. Wie lebendig strichen die Strähnen über ihr starres, selbst im Tode noch hübsch anzuschauendes Gesicht, das er mit ihrem so unbeschwerten Lachen verband. Dabei begann die Natur bereits, an ihrem entstellten Körper …

»Ist das nicht eine von Petersens Prostituierten?« Eine Antwort darauf blieb aus. Alfred Clasen sah auf die Stelle, an der sein Kollege bis eben gestanden hatte. Gluckernd lief das Wasser in die leeren Fußstapfen. Vom nahen Weidezaun her kam ein würgendes Husten, in dem alles Leid und Elend dieser Welt lag.

Mit einem leisen Flehen sah der Hauptkommissar gen Himmel, in der Hoffnung auf göttlichen Beistand. »Wer um alles in der Welt ist nur zu so etwas fähig? Bitte sage es mir.«

Doch der Himmel über ihm schwieg sich aus und strahlte weiter im satten Blau eines unschuldigen Sommertages.

 

Polizeihauptkommissar Alfred Clasen gab es auf, eine Antwort auf seine gestellte Frage an den Herrgott zu bekommen. Die höchste Instanz hatte eh noch nie zu ihm gesprochen. Nun aber galt es, die Zügel in die Hand zu nehmen. Die Frage nach dem Warum, die sich ihm unweigerlich aufdrängte, verschob er dabei ganz bewusst. Der Mensch, der diese Frau auf dem Gewissen hatte, musste umgehend festgesetzt werden. Jetzt galt es, Nägel mit Köpfen machen.

 

Das herzerweichende Würgen in seiner Nähe hatte zum Glück ein Ende gefunden. »Thomas?« Clasen sah zu dem Polizeimeister rüber, der sich an einen stabilen Zaunpfahl lehnte und einen gewissen Halt fand. Hoffentlich steckte der Junge die Sache möglichst schnell weg. »Geht’s wieder?«

Ehlers sah gequält in seine Richtung. Es wirkte, als würde er sich aufbäumen, als er seinen Halt fahren ließ und zu ihm zurückwankte.

»Sorry, Chef.« Thomas wischte sich mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn und arbeitete an einem verunglückten Lächeln. »Das war doch etwas zu heftig.«

Alfred Clasen winkte ab und deutete auf die Tote. »Kennst du sie?«

Tiefes Durchatmen und in der Folge ein festes Nicken. »Ja, es ist eine der Frauen aus dem Baumhaus. Ihr Künstlername war Angie, glaube ich.«

In seiner Annahme bestätigt nickte Clasen betreten.

»Wer kann nur so etwas verbrochen haben? Sie hat doch niemanden etwas getan.« Thomas unterdrückte ein erneutes Würgen.

»Ich weiß es nicht. Wir können nur hoffen, dass diese Bestie schnell geschnappt wird.« Der Polizeihauptkommissar legte dem Jungen die Hand auf die Schulter. Ein schwacher Trost, der mehr die eigene Unbeholfenheit zeigte. »Für uns wird es heute wohl ein langer Tag werden. Zuerst sollten wir die betreffenden Stellen informieren und den Fundort weiträumig absichern.«

»Ich werde das hier schon schaffen«, beantwortete Thomas die nicht gestellte Frage.

Sein Vorgesetzter nickte. »Ich bringe Mertens zum Arzt, leite alles in die Wege und komme so schnell als möglich wieder.«

Sie kehrten zum Wagen zurück. Thomas trat an den Kofferraum, um die nötigen Dinge herauszuholen. Absperrband und vor allem etwas, mit dem man die Tote bedecken konnte.

»Ich werde mich beeilen«, versicherte Clasen nochmals und klemmte sich hinters Lenkrad.

 

Thomas sah dem davonfahrenden Wagen hinterher und begann sich an die Arbeit zu machen. Es gab genug zu tun, das ihn ablenken würde. Der Fundort musste gesichert werden. Vor allem hatte er die Kühe davon abzuhalten, alles weiter zu zertrampeln.

Bei seinem Vorhaben fiel ihm auf, dass der Ablageort der Toten von der Straße her gut zu erreichen war. Die wenig befahrene Landstraße war, wegen des hohen Grundwasserspiegels, von ihren Erbauern erhöht angelegt worden, erinnerte er sich an Wolfgangs damaligen Kommentar. An dieser Stelle hier schloss die Fahrbahn nahezu mit der Oberkante des stacheldrahtbewehrten Weidezauns ab. Es war wichtig, den Fundort dort oben ebenfalls weiträumig abzusichern. Er nahm die letzten Trassierstangen und das Absperrband und setzte sich in Bewegung.

Während sich Thomas über Zaun und Abhang hinauf mühte, ließ er seiner Fantasie freien Lauf, was in der vergangenen Nacht geschehen sein mochte. Der oder die Täter dürften dort oben an der Straße gehalten und sich ihrer grausigen Last entledigt haben. Skeptisch fragte er sich, wie er das hätte bewerkstelligen sollen. Gelang es einem Mann allein, die zirka fünfzig Kilo, die diese Frau wiegen mochte, über mehr als drei Meter von sich zu schleudern? In seinen Augen war das wenig einleuchtend. Er selbst hätte die Leiche die Böschung hinabgerollt und wäre auf schnellstem Wege verschwunden. Eine Frage ergab die nächste, von denen sich keine wirklich beantworten ließ. Die Gegenstände in seiner Hand fielen ihm wieder ein.

 

Es war vollbracht. Bis dicht an die Straße heran flatterte das rotweiße Plastikband in der aufkommenden Morgenbrise. Fast so, als wollte es die bösen Geister vertreiben. Selten zuvor hatte sich Thomas so einsam gefühlt wie in diesen Augenblicken. Mit sich allein und seinen Gedanken über das Leben und den Tod. Hinter sich eine Herde brüllender Rindviecher, die sich darüber beschwerten, noch immer nicht gemolken worden zu sein; vor sich der notdürftig abgedeckte Leichnam.

Was treibt einen Menschen nur an, solch einen bestialischen Mord zu begehen, fragte er sich unablässig, ohne dabei einer Lösung näher zu kommen. Du musst es von der anderen Seite angehen, nahm er sich vor. Was für eine Frau war diese Angie gewesen? Ihm fiel auf, dass er nur wenig von ihr wusste. Bruchstückhafte Bilder, die in ihm aufflammten. Die Schlägerei im Baumhaus, eine Vernehmung wegen angeblichen Beischlafdiebstahls, ihr freundliches Lächeln und das Verständnis, das sie dabei wie selbstverständlich ihrem Gesprächspartner entgegenbrachte. Und immer wieder glitten seine Gedanken dabei zu Janina. Die würgende Angst um sie, die ihn seit dem frühen Morgen im Griff hatte, ließ ihn einfach nicht los. Wie leicht hätte dieses Schicksal Janina treffen können. Erinnerungen, die sich nicht abstellen ließen. Seit ihrem Tag im Hansa-Park hatten sie kaum mehr als ein Wort miteinander gewechselt. Ja, er hatte sie bewusst geschnitten, obwohl er wusste, dass sie sich weiterhin heimlich mit Anna und Daniel traf. Begriff er denn erst jetzt, wie sehr er sie wirklich liebte?

Liebe? Erneut wühlte es in ihm; wenn auch bedeutend milder. Das ironische Lachen, das er sich dabei abrang, wirkte an diesem Ort wie diesem reichlich deplatziert. Was wusste er schon von Liebe? Sein Wissen setzte sich zusammen aus Erinnerungen an Daniels Mutter, gepaart mit zufälligen Begegnungen und halbherzigen Versuchen. Und nun sehnte er sich nach einer Frau, die unerreichbar für ihn war und die ihn über kurz oder lang gewiss verbrennen würde.

 

Zum Glück kehrte Clasen bald darauf zurück. Ein weiterer Mann entstieg dem Streifenwagen. Dr. Fischer. Thomas erhob sich vom Rand der alten Badewanne, auf der er gesessen hatte und die den Tieren als Tränke diente. Das zerzauste Aussehen des ergrauten Dorfarztes verriet ihm, dass Clasen auch ihn aus dem Bett getrommelt hatte. Er trat den Männern entgegen.

»Moin, Herr Doktor. Wie geht es dem alten Mertens?«

»Den Umständen entsprechend.« Der Mediziner ergriff die Hand des jungen Beamten und nickte ihm freundlich zu. »Er hat von mir ein Beruhigungsmittel bekommen.«

Alfred Clasen kam um den Wagen herum und sah mit gemischten Gefühlen zum Fundort. »Hast du noch was herausgefunden?«

Das stumme Kopfschütteln des jungen Kollegen kam nicht unerwartet. Was hier geschehen war, war ohne jeden Zweifel nicht mit normalen Maßstäben zu erfassen.

»Hast du gut gemacht, Junge«, kommentierte er die Arbeit seines Mitarbeiters.

Ohne sich mit dem makabren Lob des Chefs auseinanderzusetzen, strebte Thomas dem Wagen zu. Das verdammte Blaulicht wirkte in dieser Gegend wie ein Leuchtturm. Schaulustige oder gar die Presse wären das Letzte, was sie hier gebrauchen konnten.

»Dann wollen wir uns mal an die traurige Pflicht machen.« Doktor Fischer schwang ein Bein über das flatternde Absperrband.

»Haben Sie die Kripo informiert?« Thomas hängte sich an Clasen dran.

»Ja, ich habe mit einem gewissen Kriminalhauptkommissar Kreyenfoth gesprochen. Das Kommissariat 1 in Kiel übernimmt den Fall. Er wird alles in die Wege leiten und im Laufe des Vormittags hierherkommen. Wir haben bis dahin alles abzusichern.«

»Kiel?«, horchte Thomas auf. »Ist für uns nicht die Mordkommission in Flensburg zuständig?«

»Was weiß ich.« Schulterzuckend folgte Clasen dem Mediziner.

  

***

 

Es mochten keine zwei Stunden vergangen sein, als sich eine kleine Fahrzeugkolonne aus Richtung Norder-Holmstedt näherte. Ein kurzer Stopp, dann bog der führende Wagen auf den Feldweg ab. Neben ihrem Streifenwagen kam ein unscheinbarer weißer Kombi zum Stehen. Zwei Männer in Zivil entstiegen ihm und sahen sich mit theatralisch anmutender Pose um.

»Das werden die Kollegen aus Kiel sein«, seufzte Alfred Clasen erleichtert und ging den Neuankömmlingen entgegen.

»Was für eine stümperhafte und saumäßige Aufmachung ist das hier!« Eine laute, tragende Stimme donnerte über die Landschaft, dass selbst die Kühe in den Fluchtmodus gingen.

Die überraschende und vor allem haltlose Kritik verblüffte selbst Clasen, registrierte Thomas und atmete mehrmals tief durch, um nicht gleich auf diese Herausforderung anzuspringen.

»Kriminalhauptkommissar Kreyenfoth vom K1, Bezirkskriminalinspektion in Kiel.« Der Kriminalbeamte wedelte mit seinem Dienstausweis in der Luft herum und ließ seine verächtlichen Blicke über den abgesicherten Fundort wandern. Er wandte sich Clasen zu und schnauzte ihn an: »Sind Sie hier der Verantwortliche, der diesen Zirkus aufgebaut hat?«

»Die Fundstelle wurde von uns, so gut es mit den vorhandenen Mitteln ging, abgesichert«, entgegnete Clasen in seiner gelassenen Art. »Verbesserungsvorschläge richten Sie an unsere vorgesetzte Dienststelle.« Einladend wies der Polizeihauptkommissar in Richtung Viehtränke. »Und nun möchte ich Sie höflichst darum bitten, Ihre Arbeit zu verrichten.«

»Nichts anderes habe ich vor. Was haben Sie sonst noch veranlasst?«

»Dr. Fischer, unser Allgemeinarzt, ist vorhin mit hinausgekommen und hat den Tod der Dame festgestellt. Er meint, dass es ein Fall für den Gerichtsmediziner sei und er sich lieber um den Zeugen …«

»Das ist mal wieder typisch«, unterbrach Kreyenfoth ihn barsch. »Alles zertrampeln und nichts dabei produktiv leisten.« Der Mann schenkte Clasen ein herablassendes Lächeln und rief über die Schulter: »Schmidt, wo bleiben meine Gummistiefel?« Mit einem unverständlichen Murmeln wandte er sich um und bedeutete seinem Kollegen, sich zu beeilen.

»Was ist denn das für einer?« Thomas trat an Clasens Seite und musterte den Rücken des Mannes, der ihm auf Anhieb mehr als unsympathisch war.

»Diese Herrschaften haben manchmal ihre ganz eigene Art aufzutreten.« Alfred Clasen, dem die ablehnenden Blicke seines jungen Kollegen nicht entgangen waren, stupste ihn an. »Ich denke, es ist ratsam, wenn du dich zurückhältst und diesen Leuten möglichst aus dem Weg gehst.«

»Die Spurensicherung macht sich gleich an die Arbeit.« Kreyenfoths Mitarbeiter näherte sich mit dem geforderten Schuhwerk.

»Das wird ja auch Zeit.« Der Unsympath riss ihm die Stiefel aus den Händen und stakste damit zum Streifenwagen. Ja darauf bedacht, nicht mit seinen Lederschuhen in einen der zahllosen Kuhfladen zu treten.

»Moin, Kollegen. Kriminalkommissar Sören Schmidt«, stellte sich der Mann bei den Kollegen der Schutzpolizei vor und folgte ihren verärgerten Blicken. »Sie müssen es meinem Kriminalhauptkommissar nachsehen. Der Kollege hatte eine anstrengende Woche und ist manchmal ein echter Morgenmuffel. Besonders wenn es so weit hinausgeht wie in unserem neusten Fall hier.«

»Wir müssen ja nicht mit ihm zusammenarbeiten«, winkte Clasen ab und würzte es mit einem Schulterzucken. »Wir weisen Sie hier ein und sehen für uns damit die Sache als erledigt an.«

»Darauf würde ich mich nicht verlassen«, prophezeite Schmidt und rieb sich in einer skeptischen Geste den Nacken. »KHK Kreyenfoth hat die Gepflogenheit, die Kollegen vor Ort ausgiebig zur Mitarbeit heranzuziehen. Wir werden uns ganz gewiss noch des Öfteren sehen.«

»Wie? Das ist doch jetzt Sache der Kripo.«

»Das stimmt schon.« Schmidt glaubte, Ehlers gegenüber ein versöhnliches Lächeln anbringen zu müssen. »Nur kennen Sie Ihre Schäfchen hier vor Ort besser.«

»Nein!« Clasen riss beide Hände abwehrend in die Höhe. »Der, der das hier getan hat, kommt nie und nimmer von hier.«

»Warum sind Sie sich da so sicher?« Unbemerkt von ihnen war dieser Kreyenfoth zurückgekehrt.

In Thomas Ehlers rumorte es gewaltig. Dieser Mensch riss jedes Gespräch an sich. Dabei wusste er nicht einmal über was sie sprachen.

 

Eine weitere Person, die sich bislang bewusst abseits gehalten hatte, trat zu den Männern und ließ die sich aufbauenden Spannungen in den Hintergrund treten. »Moin, die Herren.«

Der Mann besaß umgehend die Beachtung der Umstehenden. Auf die Beamten des Holmstedter Reviers wirkte er wie die Melange zwischen Professor und der Reinkarnation eines Spät-Hippies. Grüßend nickte er in die Runde, vermied es aber, jemanden die Hand zu reichen. Stattdessen hielt er sich seine antik anmutende Arzttasche wie einen Schild vor Bauch und Brust. »Ich will mich ungern in Ihre Gespräche einmischen. Doch ich möchte umgehend das bedauernswerte Opfer in Augenschein nehmen.«

»Sie haben Recht, Doktorchen«, riss Kreyenfoths tragende Stimme die Umstehenden ins Hier und Jetzt zurück. »Unser Rechtsmediziner Dr. Kaldeweyh«, stellte er den ergrauten Mann vor. »Er ist eine Koryphäe auf dem Gebiet, die Kalten zu verwalten und ihnen ihre letzten Geheimnisse zu entlocken.«

Die Reaktion des Mediziners beschränkte sich auf einen kühlen Blick, ehe er sich abwandte und in Richtung der Leiche davonging.

»Gut, der Doktor hat recht. Kümmern wir uns um die Tote und hören, was Sie bisher herausgefunden haben.« Kreyenfoth zog eine gestopfte Pfeife aus der Jackentasche und entzündete sie. Er überwand die Absperrung und folgte dem Mediziner, der sich behutsam voran arbeitete. »Wessen Schuhabdrücke sind das?« Das Mundstück der Pfeife wies auf die Spuren im Schlamm.

»Unsere«, antwortete Clasen entnervt. »Wir konnten wohl kaum zur Toten rüber fliegen.«

»Dufte, dann haben Sie alle vorhandenen Spuren breitgetrampelt.«

»Jetzt tun Sie nicht so, als wären wir von den Rübenfeldern hierher geflüchtet!« Thomas platzte endgültig der Kragen.

Norbert Kreyenfoth erstarrte in seiner Bewegung. Stumm fixierte er den jungen Bengel vor sich, der ihn fast um Haupteslänge überragte. Seine trotzigen Blicke rangen ihm ein müdes Lächeln ab. »Sie scheinen heute ja gut aufgelegt zu sein, Herr Polizeimeister. Ehlers, stimmts?« Er fixierte übertrieben aufmerksam das Namenschild, das an der Dienstjacke dieses Grünschnabels prangte. »Sicherlich können Sie uns sagen, wer die Tote ist.«

»Eine Handtasche oder Ähnliches haben wir nicht gefunden«, antwortete Clasen für den jungen Kollegen, bevor dieser sich weiteren Ärger einhandelte. »Dennoch gehen wir davon aus, dass es sich um eine der Damen handelt, die hier in Norder-Holmstedt einem gewissen Gewerbe nachgehen.«

»Eine Nutte?« Kreyenfoth wirkte für einen Moment ehrlich überrascht. »Jetzt sagen Sie bloß nicht, dass es in diesem Kaff einen Puff gibt?«

»Leider ist es an dem.« Alfred Clasen zuckte mit den Schultern und bemühte sich, zu den Begebenheiten zurückzukehren. »Der Besitzer dieser Weide hat das Opfer heute Morgen gegen vier Uhr entdeckt.«

»Und? Wo ist er nun? Posaunt er die Geschichte schon im Ort herum?« KHK Kreyenfoth deutete mit grimmiger Miene in Richtung Straße, wo sich hinter der Absperrung erste Schaulustige versammelt hatten.

»Nein, der Mann steht unter Schock und ist zurzeit in Behandlung. Über alles andere haben wir eine Nachrichtensperre verhängt. Wir wollten Ihnen nicht vorgreifen.«

Grummelnd wandte sich der Ermittler ab und tastete sich langsam zu dem Ort vor, an dem die Spurensicherung und der Rechtsmediziner ihre Arbeit längst aufgenommen hatten.

In dem Moment, als die Beamten den Fundort erreichten, richtete sich Dr. Kaldeweyh auf. Er kam dem missgelaunten Ermittler zuvor, bevor dieser nach seinen ersten Eindrücken fragte. »Zum Todeszeitpunkt kann ich noch nicht viel sagen. Der Ablageort scheint allem Anschein nach nicht der Tatort zu sein. Fest steht, dass es hier zu einer Art Übertötung gekommen ist. Alles Weitere wie immer erst nach der Autopsie.« Er drückte seinen Rücken durch und winkte den Bestattern zu, die sich im Hintergrund aufhielten. An Kreyenfoth gerichtet sagte er unpersönlich: »Ich werde Sie informieren, sobald die Obduktion ansteht.«

»So machen wir’s.« Kreyenfoth hockte sich nieder und schlug die Decke zurück. »Na, da hat sich ja mal einer so richtig ausgetobt.« Sein geschmackloser Pfiff begleitete die persönliche Anteilnahme.

Angewidert von der makabren Feststellung und dem neuerlichen Anblick der Toten wandte sich Thomas ab. Der Druck im Magen wanderte erneut Richtung Rachen.

»Kannten Sie die Frau näher?« Das selbstgefällige Grinsen des Ermittlers galt dem Polizeimeister.

Mühsam beherrscht schüttelte dieser den Kopf und murmelte kurzatmig. »Zwei oder dreimal vielleicht - dienstlich.«

»Ihr Name?«

»Angie. Ich meine, mich zu erinnern, dass ihr bürgerlicher Name Doreen Lange lautet.«

Kriminalhauptkommissar Norbert Kreyenfoth ließ den Deckenzipfel sinken und erhob sich ächzend. Mit gemischten Gefühlen sah er sich um und ließ zu, dass sich das unendliche Grün um ihn herum auf sein Gemüt legte. Herrgott, war das eine verdammte sch…öne Bescherung. Er verschluckte den leidenschaftlichen Fluch, der sich in ihm herauf drängte. Erst der Bereitschaftsdienst, dann der Personalmangel beim K1 in Flensburg, der ihn in diese gottverlassene Gegend befördert hatte, und nun diese Bauerntölpel von Landbullen. Hatte er das alles verdient? Nach all den erfolgreichen Jahren in der Mordkommission sollte der Mord an einer kleinen Nutte nun der krönende Abschluss seiner Karriere werden? Wie ungerecht war das denn? Er drehte sich in Richtung der Sonne, die mittlerweile hoch am Himmel stand und ihm Tränen in die geblendeten Augen trieb. Ein unspektakulärer Fall um den Mord an einer Nutte. Damit gewann man keinen Blumentopf. Er atmete mehrmals tief durch und sammelte sich für das, was ihn noch erwarten mochte.

»Schmidt, machen Sie der SpuSi mal lange Beine. Die sollen vorankommen.« Mit einer unverständlichen Verwünschung wandte sich Kreyenfoth um und scheuchte die Kollegen der Schutzpolizei vor sich her. »Und Sie, meine Herren, tun Sie was für Ihr Geld und verjagen endlich die Schaulustigen da oben.«

 

Nachfolgend wurden die Holmstedter Polizisten zu Statisten degradiert, die unfreiwillig am Ort der Handlung gefesselt waren, während die Kollegen aus Kiel die Beweisaufnahme abspulten.

 

***

 

»Meine Herren.« Norbert Kreyenfoth trat an den Streifenwagen, bei dem sich die uniformierten Kollegen tatenlos aufhielten. »Hier wären wir fürs Erste fertig.« Er entledigte sich der Einweghandschuhe und ließ sie achtlos zu Boden fallen.

Die so unterschiedlich wirkenden Männer sahen dem Wagen des hiesigen Bestatters betroffen hinterher, der die Tote in die Rechtsmedizin bringen würde. Weicheier, kommentierte die angeborene Ironie in ihm. Die taten, als ob sie noch nie eine Leiche gesehen hätten. Doch Schluss nun mit dem Trauern. Es war an der Zeit, dass sie hier vorankamen und er diesen Fall möglichst schnell zu den Akten legen konnte. »Gut, meine Herren. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich heute noch mit den Angehörigen dieser Dame zusammenbringen würden.«

»Ich glaube kaum, dass die sich so schnell ermitteln lassen.« Der Zynismus in den Worten des renitenten Polizeimeisters war nicht zu überhören.

»Das mag sein. Dann bringen Sie mich eben dahin, wo die Nutte gearbeitet hat.« Ohne auf eine Antwort zu warten, wandte sich Kreyenfoth ab und strebte dem eigenen Wagen zu.

»So ein Arsch ist mir echt noch nicht untergekommen.«

»Mach dir und uns nicht noch mehr Ärger«, mahnte Alfred Clasen genervt und riss die Beifahrertür auf. »Geh ihm einfach aus dem Weg und lass ihn seine Arbeit machen.«

»Und die Drecksarbeit dürfen wir dann mal wieder erledigen.«

»Apropos Drecksarbeit …?« Clasens flehender Blick ließ Thomas’ schlimmste Befürchtung zur Gewissheit werden. »Ich befürchte, dass einer von uns die Nachricht überbringen muss.«

»So lange dieser Kasper nichts davon sagt, werden wir uns ganz gewiss nicht vordrängen«, spie Thomas förmlich aus.

»Was ich Sie noch fragen wollte?« Wie aus dem Nichts stand der Kommissar plötzlich neben ihrem Wagen. »Deuteten Sie nicht an, dass das Essen in der Gastwirtschaft genießbar sei? Nach der ganzen Arbeit hier haben wir einen Mordshunger bekommen.«

»Ja, der Lindenkrug.« Clasen sah zu dem Mann auf, der plötzlich an der offenen Wagentür stand. »Dem Wirt gehört auch das Baumhaus, in dem die Tote gearbeitet hat.« Ein vages Hoffen erfüllte den ergrauten Hauptkommissar.

»Das trifft sich gut. Dann können wir gleich nach dem Essen unsere ersten Befragungen durchführen. Wirklich, eine gute Idee«, feierte Kreyenfoth seinen Einfall und klopfte energisch auf das Dach des Streifenwagens. »Sie werden vorausfahren und die Leute darauf vorbereiten, dass wir sie nach dem Mittagessen aufsuchen werden. Aber halten Sie sich mit Einzelheiten zurück.« Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er um und strebte dem eigenen Wagen zu.

»Bleib ruhig«, murmelte Clasen mehr zu sich selbst. »Ändern können wir den eh nicht mehr.«

 

 

Kapitel 2

 

 

Als Thomas ihren Streifenwagen vor dem Lindenkrug parkte, schlug die Uhr vom nahen Kirchturm her gerade mal die zwölfte Stunde. Dabei fühlte er sich so zerschlagen, als hätte er nächtelang nicht geschlafen. Träge öffnete er die Fahrertür und rammte sie beinahe in den Kotflügel des neben ihm einparkenden Fahrzeugs.

»Daran merkt man, dass wir auf dem Dorf sind«, bemerkte Kreyenfoth süffisant beim Aussteigen. »Diese blinden Landeier reißen ihre Klappen auf, ohne sich auch nur einmal umzusehen.«

»Dabei sollten wir doch wissen, dass sich immer mehr Stadtdeppen hierher verirren«, konterte Ehlers, schlug wütend die Tür zu und verschloss den Wagen. Ohne auf die anderen zu warten, strebte er auf den offenen Eingang der Gaststätte zu.

Norbert Kreyenfoth betrat das Gebäude hinter dem Polizeimeister. Selbstgefällig ließ seinen Blick über die Einrichtung des Lindenkrugs schweifen. Genauso hatte er sich eine Dorfkneipe vorgestellt. Das zigarrenqualmgebeizte Mobiliar mochte aus den goldenen Fünfzigern stammen. Dazu der Linoleumboden, dessen hohes Alter die aufgeschabten Flächen um die Stuhlbeine herum verrieten. Dafür drangen aus der angrenzenden Küche Gerüche in den Gastraum, die selbst bei einem Toten eine Spur von Heißhunger erweckten.

»Moin, Petersen.« Clasen warf seine Dienstmütze achtlos auf den nächstbesten Tisch und wischte sich mit seinem Taschentuch die Schweißperlen von der Stirn.

Der Gerufene erschien in der Tür zur Küche. »Moin, die Herren.« Als Matthias Petersen die Gäste und ihre Begleiter erkannte, wandelte sich seine Fröhlichkeit in schicksalsergebene Gleichgültigkeit. »Was gibt’s denn Besonderes?« Er seufzte dabei schwer und suchte Thomas’ Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. »Was sollen die Mädchen nun schon wieder ausgefressen haben?«

Petersens Nervosität nahm zu, als ihm niemand antwortete. Die beiden Polizisten schwiegen nur mit betroffener Miene, während sich ihre Begleiter in keiner Weise angesprochen fühlten und sich an einen der Tische setzten.

»Wir möchten die Speisekarte«, war das Einzige, das der Ältere für ihn übrig hatte.

»Ja, natürlich.« Der Wirt zuckte wie elektrisiert zusammen und kam der Bitte nach.

»Clasen, tun Sie sich keinen Zwang an,« forderte Kreyenfoth den Leiter der Holmstedter Wache auf und behielt dabei den hiesigen Hausherrn fest im Blick, wie dieser zum Tresen eilte, um das Gewünschte zu holen. »Überbringen Sie ihm ruhig die Nachricht, während ich beobachte.«

Alfred Clasen versteifte sich. Aufbegehren lag ihm im Blick und doch ordnete er sich unter. »Herr Petersen?« Er suchte angestrengt nach den richtigen Worten, als dieser zu ihnen zurückkehrte und den Männern die Speisekarten reichte. Formalität schien ihm der beste Weg zu sein. »Kennen Sie eine gewisse Doreen Lange?«

»Doreen Lange?« Hinter der Stirn des Befragten arbeitete es fieberhaft, wobei sich auf seinem Gesicht ein wachsendes Unverständnis abzeichnete. »Ich weiß wirklich nicht, wen Sie meinen, Herr Clasen.«

Die herablassende Miene des Fremden veränderte sich in eine lauernde Aufmerksamkeit. »Wollen Sie behaupten, dass Sie Ihre eigenen Nutten nicht kennen?« Die Rückenlehne des Stuhls gab ein unangenehmes Knirschen von sich.

Petersen fragte sich, wie weit Gastfreundschaft gehen musste. Brüskiert wandte er sich an den Polizeimeister, der sich bewusst im Hintergrund hielt. »Wo habt ihr den denn aufgegriffen?«

»Kreyenfoth«, stellte sich der unhöfliche Mann und holte einen Ausweis hervor. »Mein Kollege, Schmidt. Darf ich davon ausgehen, dass ich mit dem, sagen wir mal etwas salopp, Arbeitgeber der hiesigen Prostituierten spreche?«

Der Wirt baute sich drohend vor dem eigenwilligen Gast auf. »Wenn Sie mit hiesigen Prostituierten die Damen aus dem Baumhaus meinen, dann rate ich Ihnen, sich mit Frau Neuberger, der Geschäftsführerin des Klubs, in Verbindung zu setzen.«

»Uns ist heute nicht nach Spitzfindigkeiten zumute«, rettete Clasen die Situation, bevor diese ins Lächerliche abglitt. »Frau Lange wurde heute Morgen unweit des Dorfes tot aufgefunden.«

»Wer ist …«, die Stimme versagte Petersen, als er die Tragweite der Nachricht begriff.

»Es ist leider an dem«, zerstörte Thomas die letzte Hoffnung in dem Gastwirt. »Die Herren hier sind von der Kripo.«

»Kriminalpolizei!«, kam es herausfordernd von hinten.

»Von der Kriminalpolizei«, korrigierte sich Ehlers ungerührt. »Die Herren untersuchen den Tod von Frau Lange alias Angie und benötigen nun die Aussagen von Ihnen und den Damen.«

»Angie? Mein Gott.« Petersen suchte nach Halt. »War es ein Unglück?«

»Ich hätte gern ein Jägerschnitzel und ein großes Alsterwasser.«

Thomas deutete mit einem Nicken auf den Mann, dessen Bestellung ungehört verklang. »Das fragen Sie besser die Herren dort.« Er wandte sich Kreyenfoth zu und fragte mit mühsam beherrschter Stimme: »Sie haben weitere Aufträge für mich, Herr Kriminalhauptkommissar?«

»Ich möchte, dass Sie mich bei dieser Managerin anmelden. Übermitteln Sie ihr mein Beileid und sagen Sie ihr, dass sie sich zusammen mit ihren Mädels für eine Befragung im Laufe der nächsten Stunden bereithalten sollen. Nichts weiter, haben wir uns verstanden?«

»Chef?« Kreyenfoths schweigsamer Begleiter geriet zum ersten Mal in Bewegung. Er wandte sich seinem Vorgesetzten zu und redete flüsternd auf ihn ein: »Sollten wir den Kollegen Ehlers dabei nicht begleiten?«

Dieser maß seinen Kollegen stumm und fixierte anschließend den, in seinen Augen, renitenten Polizeimeister. »Was meinen Sie, Ehlers? Müssen wir mitkommen, oder bekommen Sie das allein hin? Ich meine, ohne dass Sie die Pferde scheu machen oder ermittlungsrelevante Tatsachen ausplaudern.«

In der Miene des jungen Polizisten zuckte es verdächtig. Wenn Blicke töten könnten. Nach einer gefühlten Ewigkeit machte dieser seinen Mund doch noch auf. »Ich werde die Ermittlungen gewiss nicht torpedieren.«

»Das freut mich zu hören.« Kreyenfoth schenkte ihm ein Lächeln, das so ehrlich aussah, dass Thomas es ihm fast abgenommen hätte. »Was meinen Sie? Müssen wir in Betracht ziehen, dass es unter den … Damen«, er malte mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft, »zu Spannungen gekommen ist?« Seine Frage schien diesen Jungspund zu verblüffen.

»Woher sollte ich das wissen?« Der Polizeimeister sah zu Petersen, der schockiert dem Geplänkel zwischen ihm und diesem Kommissar gefolgt war. »Wenn jemand Einblick in die Gruppendynamik hat, dann doch wohl du, oder?«

»Verdächtigt ihr jetzt eines der Mädchen?« Ein erstes Aufbegehren machte sich in dem Bären von einem Mann breit. »Für die lege ich meine Hand ins Feuer …«

»Bevor Sie sich die Finger verbrennen, sorgen Sie erst einmal dafür, dass wir etwas zu essen bekommen«, unterbrach der Ermittler den empörten Wirt und versprach ihm mit unterschwelliger Drohung: »Danach werden wir uns die Zeit nehmen und uns mit Ihnen über Ihre Überzeugung auszutauschen.« Kreyenfoth wandte sich ein weiteres Mal dem Polizeimeister zu. »Nun mal los Ehlers. Worauf warten Sie noch?«

Erneut böse Blicke. Doch statt eines weiteren Protestes drehte der sich um und zog den Wirt gleich mit sich.

»Ach, Ehlers!« Der Ruf des Kommissars schien an dem Mann abzuprallen. »Sorgen Sie dafür, dass die Privaträume der Toten sofort unter Verschluss kommen. Die Schlüssel nehmen Sie an sich.«

Thomas konnte diesem Despoten nicht schnell genug entkommen, bevor er noch etwas antwortete, was er später bereuen könnte

»Und denken Sie daran, sich zurückzunehmen«, wehte ihm ein weiterer Befehl hinterher ehe sich die Tür hinter ihm schloss.

 

»Tommy.« Kaum befanden sie sich allein auf dem schmalen Flur, hielt der stämmige Mann den Freund und Polizisten zurück. »Sag mir, was ist mit Angie geschehen?«

Der feste Griff, der sich in seine Schulter bohrte, verlangte nach Aufmerksamkeit.

»Nicht jetzt, Matthias.« Thomas schüttelte die Hand, die ihn zurückhielt, ab und blieb dennoch stehen. All die Bilder des Morgens drängten sich erneut in ihm hinauf. »Glaub es mir, das willst du nicht wissen.«

Petersen schwieg erschüttert und führte Thomas durch die bestens bekannte Verbindungstür.

 

»Was denn? Haben wir jetzt schon Kundschaft?« Die lässige Herausforderung, mit der die Blondine vom Treppenabsatz auf die Männer herabsah, galt mehr der Dienstkleidung als ihrem Träger.

»Guten Morgen, Frau Dombrowski.« Matthias Petersen gab sich sehr verhalten, als er den ihn begleitenden Polizeimeister in den Vordergrund schob. »Herr Ehlers muss dringend mit Monique sprechen.« Bevor jemand reagieren konnte, wandte er sich zum Gehen.

»Hallo, Herr Ehlers.« Die Frau sah dem sich fortstehlenden Wirt hinterher und fixierte dann den Mann, der wie ein armer Sünder vor ihr stand. »Was treibt Sie mal wieder in unsere Gefilde?«

Thomas vermeinte Spott aus ihrer Stimme herauszuhören, während sie betont lässig die Stufen zu ihm herunter kam. Er fasste sich ein Herz und trat an den Fuß der Treppe. »Entschuldigen Sie bitte die frühe Störung, Frau Dombrowski. Es ist leider etwas geschehen, das mich dazu zwingt, Frau Neuberger dienstlich aufzusuchen.« Voller Sarkasmus beglückwünschte er sich im Stillen zu seiner Wortwahl.

»Wie preziös Sie manchmal daherreden können.« Mirja Dombrowski entschied mit einem reservierten Lächeln, dass das Anliegen des Mannes gewiss nicht die Wichtigkeit besaß, um Janina um ihren wohlverdienten Schlaf zu bringen. »Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Madame noch zu ruhen gedenken.«

»Das ist mir, ehrlich gesagt, scheißegal!« Für Thomas war der Schlusspunkt höflicher Konversation gekommen. »Dann werden Sie sie eben wecken. Es ist wichtig.«

»Was ist wichtig?«

Das Wortgeplänkel zwischen ihnen endete abrupt und ließ die beiden zu der Besitzerin der Stimme aufsehen.

»Die Staatsmacht ist angetrabt und hat angeblich was ganz Wichtiges mit dir zu besprechen.«

Ein undeutlicher Fluch kam der Managerin des Bordells über die Lippen, während sie sich anschickte, zwei oder drei Stufen hinabzusteigen. »Was gibt es denn nun schon wieder?«

Ihr gequältes Stöhnen zeigte Thomas, dass Janina ihn so sehnsüchtig erwartete wie einen Herpes.

 

 

 

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