Thomas Ehlers hätte es nicht schlimmer treffen können. Für den jungen Polizeimeister geht die Welt unter. Statt seinen Dienst in einem der großen Städte Schleswig-Holsteins zu versehen, wird er in das beschauliche Norder-Holmstedt versetzt. Dorthin, wo die Zeit vor hundert Jahren stehengeblieben war.
Doch sehr bald muss Ehlers erkennen, dass hinter der vermeintlichen Idylle ein Kampf zwischen Brauchtum und Moderne tobt. Spätestens als der Dorfwirt plant, aus seiner unrentablen Appartementanlage ein "Etablissement für einsame Herren" zu errichten und dieses zu verpachten, kocht die Volksseele hoch.
Plötzlich stehen die Beamten der Polizeistation zwischen den Fronten einer aufgebrachten, konservativen Einwohnerschaft und den Damen des Bordells, das schnell den Namen "Baumhaus“ erhielt. Zumal sich Madame Monique alias Janina Neuberger, die Managerin des Baumhauses, nicht die Butter vom Brot nehmen lässt.
Für Thomas Ehlers und seine Kollegen gilt es, den Dorffrieden wieder herzustellen. Besonders die Differenzen und verbotenen Gefühle zwischen ihm und der selbstbewussten Janina Neuberger schaukeln sich auf.
Doch dann erschüttert der grausame Mord an einer der Liebesdamen den fragilen Frieden im Dorf.
Frankfurt/Main im Oktober, Jahre zuvor.
»Wenn wir dort sind, wirst du deine Klappe halten. Hörst du!« Die raue Stimme des Mannes durchdrang die rauchgeschwängerte Luft des alten Daimlers, ohne dass er die Wahrnehmung der Frau neben sich erreichte. »Ich werde allein mit diesem Fatzke reden.«
Die anmutige Frau reagierte nicht auf seine herablassende Äußerung. Ihr apathisch wirkender Blick hing gebannt auf der Uhr im Armaturenbrett. Verfolgte den unermüdlichen wie erfolglosen Kampf des Sekundenzeigers voranzuschreiten. Nur um immer wieder abzustürzen. Stoisch folgte sie dem Zucken des fragilen Zeigers. Nur darauf bedacht, nicht darüber nachdenken, was auf sie zukam.
Die Stoßdämpfer des Wagens quittierten die Bodenwelle der Einfahrt mit einem Wippen, das an ein Wasserbett erinnerte. Immerhin riss es die Frau in die Realität zurück, aus der sie sich gleich wieder fortwünschte. "Polizeirevier Eschersheim“ stand auf dem blauweißen Schild. In ihr wühlte eine Mischung aus Aufbegehren und Verzagtheit. Gequält sah Sie ihren Chauffeur an. »Muss das alles sein?«
»Ja, das muss es.« Der Mann packte ihr Handgelenk und drückte schmerzhaft zu. »Hör zu. Du willst da raus. Und das hier ist dein verdammtes Ticket. Also vermassle es nicht.« Grob stieß er sie zurück und verließ den Wagen.
»Irgendwann werde ich dir das Genick brechen«, zischte die Frau, die sich Sabrina nannte, unterdrückt. Wohl oder übel folgte sie dem Mann, der sich wirklich einbildete, sie in der Hand zu haben.
Die Szene, in der sie sich wiederfand, drohte sie zu erdrücken. Die zweckmäßige Nüchternheit der Gebäude um sie herum, die in einer Ecke rauchenden Polizeibeamten, die sie längst bemerkt hatten und mit eindeutigen Blicken hofierten. Dazu das geringschätzige Grinsen Bergmanns, dass er ihr über dem Dach des Wagens hinweg schenkte.
Er gab ihr ein Zeichen, ihm zu folgen, und steuerte dem Eingang entgegen, in dessen Nähe die Polizisten standen, die sie nicht mehr aus den Augen ließen. Der schnalzende Laut, den einer der Männer von sich gab, das abfällige Lachen der anderen. All das blieb an ihr kleben.
»Was haben wir hier zu suchen?«, murmelte Sabrina mehr zu sich. Sie versuchte, das Gefühl von Ekel zu ignorieren. So wie jedes Mal in all den Jahren.
Sie folgte ihrem Begleiter über die Treppe in eines der oberen Stockwerke. »Du hast gesagt, das alles geregelt sei.«
»Ich habe dir gesagt, dass du deinen Mund halten sollst. Dieser Staatsanwalt will dich sehen. Das ist alles, was du wissen musst. Tu nur das, was du am besten kannst: hübsch aussehen und lächeln.«
Mit einem »Endlich« wurden sie an der Glastür von einem geschniegelten Anzugträger begrüßt. »Staatsanwalt Dr. Kerner wartet nicht gern.« Er drehte ab, ohne auf den zynischen Kommentar Bergmanns zu reagieren, den dieser ihm hinterherschickte.
»Nun komm schon.« Stefan Bergmann packte das Handgelenk der Frau. Er zog sie unwirsch mit sich und steuerte die Tür an, vor der dieser Anzugträger auf sie wartete.
Sie hatte Mühe, Bergmann zu folgen, ohne auf ihren hochhackigen Schuhen zu straucheln. Beinahe wäre sie auf ihm aufgelaufen, als er abrupt stehen blieb.
»Es ist gut, Christoph.« Der Mann am Fenster bedeutete seinem Mitarbeiter mit einem knappen Handzeichen, den Raum zu verlassen.
Der schloss die Tür hinter sich und ließ die drei Menschen zurück. Die Stille, in der man sich musterte, legte sich schwer über den Raum.
»Frau Neuberger der adrett gekleidete Mann räusperte sich leise und trat unbefangen auf seine Besucherin zu. Seine Hand schwebte zwischen ihnen. »Staatsanwalt Dr. Herbert Kerner«, stellte er sich ihr mit einem angedeuteten Lächeln vor. »Ich wollte mich persönlich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich bereit erklärt haben, mit mir und der Staatsanwaltschaft Frankfurt zusammenzuarbeiten.«
Ein herablassendes Lachen sprang ihr über die Lippen. »Als wenn mir da eine Wahl geblieben wäre.« Der Stoß in ihre Seite ließ sie zusammenzucken. Es war Bergmann, der sie schmerzhaft daran erinnerte, was sie zu tun und zu lassen hatte.
Das Handeln ihres Begleiters blieb dem Staatsanwalt nicht verborgen. »Herr Bergmann, danke, dass Sie mir Frau Neuberger zugeführt haben. Wenn Sie sich nun zu meinem Mitarbeiter begeben würden? Es sind für den anstehenden Einsatz noch einige Fragen zu klären«, wies er ihn an, ohne dass er dabei von seiner Freundlichkeit einbüßte. »Was ich mit Frau Neuberger zu besprechen habe, dürfte Sie wenig interessieren.«
»Aber das geht nicht …«, setzte der Gemaßregelte an, schwieg aber, als er den Blick registrierte, den der Ankläger für ihn übrig hatte. Ein stummes Nicken, ein drohender Blick in Richtung der Frau, die sich sonst vollmundig als Escort Lady bezeichnete. Sichtlich aufgebracht verließ er den Raum.
»Wenn Sie bitte Platz nehmen mögen, Frau Neuberger.«
»Ich möchte lieber mit meinem Künstlernamen angesprochen werden«, unterbrach sie ihn selbstbewusst. »Sabrina, wäre das vielleicht möglich?«
Der Staatsanwalt, der sich ihr mit dem Namen Dr. Kerner vorgestellt hatte, nickte verhalten und deutete einladend auf eine bequem wirkende Sitzgruppe in dem sonst nüchtern gehaltenen Raum.
»Gibt es so viel zu besprechen, das es sich lohnt, hier einzuziehen?« Ihr trotziges Auftreten ihm gegenüber tat ihr gut. Es vertrieb ein kleines Stück der Beklemmung, die sie verfolgte, seitdem Bergmann ihr mitgeteilt hatte, dass der ermittelnde Staatsanwalt sie sprechen wollte.
»Nun, aus meiner Sicht gäbe es einiges, das wir noch besprechen sollten.«
Sein leises Lachen wirkte viel zu sympathisch, stellte Janina, wie sie im wahren Leben hieß, überrascht fest. Selbst wenn sie sich vorgenommen hatte, nichts Derartiges an sich herankommen zu lassen. Schweigend folgte sie seiner einladenden Geste.
»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?« Er deutete auf die Getränkeflaschen in der Mitte des ausladenden Tisches und setzte sich ihr gegenüber.
Stumm schüttelte sie den Kopf und richtete ihren verschlossenen Blick auf ihn. Blick auf ihn. Es war ihre Art, fremden Menschen zu begegnen. Ein wichtiger Teil ihrer Überlebensstrategie. Ihr Verhalten schien den Mann keineswegs zu verunsichern. Das war wohl kaum verwunderlich. Schließlich hatte er jeden Tag mit Leuten zu tun, die selten auf der Seite von Recht und Gesetz standen.
»Gut. Bedienen Sie sich gern, wenn sie mögen.« Kerner drapierte seine Unterlagen vor sich auf dem Tisch und langte selbst zu einer Flasche Wasser, um sich einzuschenken. Er schien dabei die Ruhe selbst. Ein kurzer Schluck, dann lehnte er sich bequem in seinem Sessel zurück und suchte mit seinen Blicken ihre Aufmerksamkeit. »Es freut mich wirklich, dass Sie sich bereit erklärt haben, uns tatkräftig zu unterstützen, um dem Drogenhandel hier in Frankfurt einen möglichst schweren Schlag zu versetzen.«
Was für ein Gefasel. Janina versteifte sich unbewusst. Diese Sabrina in ihr hatte erneut die Kontrolle übernommen. Hier ging es um ihre Zukunft, um den Ausstieg und vor allem ein Überleben nach dieser Zeit.
Sie registrierte, wie die Freundlichkeit in seinem Gesicht einem harten Zug wich.
»Es ist doch weiter an dem, oder?« Die Stimme des Staatsanwaltes folgte seiner Mimik. »Wie mir Herr Bergmann versicherte …«
»Bergmann ist ein Arsch«, fiel sie ihm heftig ins Wort. Erneut fragte sie sich, was sie hier zu suchen hatte. Sein beredtes Schweigen ließ sie herunterkommen und gemäßigter fortfahren: »Leider ist er mein einziger Schlüssel, diesen ganzen Irrsinn hinter mich zu lassen.«
Kerners Höflichkeit war einer tiefen Aufrichtigkeit gewichen, als er nach einem Moment des Einhaltens mit einem Nicken fortfuhr: »Ich denke, es erübrigt sich, dass wir uns über die Persona Bergmann austauschen. Lassen Sie uns vielmehr über Sie sprechen. Im Rahmen unserer Ermittlungen ist es nicht verborgen geblieben, dass Sie eine besondere Beziehung zu Herrn José Ferez-Perreira haben.«
»Ach, hören Sie doch auf, um den heißen Brei herumzureden«, unterbrach Janina seine sorgsam gewählten Worte. Alles in ihr verspannte sich und doch war sie weiter bemüht, möglichst cool rüberzukommen. Sie ließ sich in ihren Sessel zurückfallen und schlug leger ein Bein über das andere, ohne darauf zu hoffen, diesen gestandenen Mann dadurch bezirzen zu können. »Warum soll gerade ich José Ferez-Perreira ans Messer liefern? Es gibt genug Leute, die dichter an diesem Mistkerl dran und vor allem mutiger sind!«
»Herr Ferez-Perreira?«
Die Reaktion des Staatsanwaltes war anders, als sie vermutet hatte. Er stutzte merklich, ohne dass es gespielt wirkte. Er ergriff die Akte, die vor ihm auf dem Tisch lag.
»In der Tat wären wir froh, wenn wir diesen feinen Herren im Rahmen des anstehenden Einsatzes ebenfalls aus dem Verkehr ziehen könnten. Das so genannte i-Tüpfelchen. Doch das ist nicht unser Hauptanliegen, und das sollte Herr Bergmann Ihnen dargelegt haben.«
Janina erfasste ein ungeahnter Schwindel, und das lag nicht an der verdrehten Ausdrucksweise des Mannes. Verdammt, in was für eine Sache wurde sie hier hineingezogen? Was für einen Blödsinn hatte Bergmann ihr aufgetischt? Sie setzte sich aufrecht hin und funkelte den Mann vor sich mit glühenden Blicken an. »Hey, Mann. Was habt ihr wirklich mit mir vor? In was für eine Scheiße wollt ihr mich hineinziehen?«
Dr. Herbert Kerner ließ die derben Schimpfworte der Prostituierten an sich abprallen und machte sich seine eigenen Gedanken zum derzeitigen Sachverhalt. Für ihn wurde es immer klarer, dass dieser windige Typ eines V-Mannes die Frau mit Halbwahrheiten abgespeist hatte. Nun galt es mit Engelszungen zu reden, damit Frau Neuberger nicht noch absprang. Sie hatten zu viel an Zeit und Energie investiert, um jetzt alles abzublasen. Vor allem würden sie nie wieder so nah an die Zielperson herankommen.
»Frau Neuberger … Sabrina«, setzte er sanft an und wurde umgehend von der erzürnten Frau unterbrochen.
»Ich will jetzt wissen, warum ich wirklich hier bin! Und ich will es schriftlich haben, dass ich in den Zeugenschutz komme.«
»Okay.« Er hob beschwichtigend beide Hände. »Mir scheint, Herr Bergmann hat Ihnen das Blaue vom Himmel versprochen und Sie nicht über alles in Kenntnis gesetzt. Ich verspreche Ihnen, das wird Folgen für ihn haben.« Dr. Herbert Kerner wagte kaum zu hoffen, dass es ihm jetzt noch gelang, diese Frau auf ihre Seite zu ziehen. Nicht nachdem sie dieser unmögliche Mensch derart im Ungewissen gelassen hatte. »Doch einen alles umfassenden Zeugenschutz können wir nicht so einfach aus dem Ärmel schütteln.«
Hui, wenn Blicke töten könnten, registrierte Kerner für sich. Zumindest unterbrach sie ihn nicht gleich wieder. Erneut griff er zu der Akte, die vor ihm auf dem Tisch lag. "SOKO Kaufmann" stand in dicken Lettern auf dem grünlichen Pappdeckel.
»Also Klartext, Frau Neuberger. Sie wurden von uns nicht allein wegen Ihres Kontaktes zu Ferez-Perreira angesprochen. Seine Verbindungen zum organisierten Verbrechen sind uns längst bekannt. Uns liegt daran, das Netzwerk um ihn herum zu zerschlagen. Seine Lieferanten und Verbindungen zu den Großabnehmern der Drogen hier im Großraum Frankfurt interessieren uns dagegen sehr. Hier kommen Sie ins Spiel.« Er lehnte sich zurück und tat, als müsse er in der Akte blättern. Dabei las er in ihrem Gesicht wie in einem offenen Buch. In ihm spiegelten sich wohl alle Emotionen ab, zu denen sie fähig war. Drogen – das war der einzige Schlüssel, über den sie bei ihr Zugang fanden. Das war ihm und seinen Ermittlern längst bewusst gewesen. Nun galt es, Frau Neuberger davon zu überzeugen, dass ihr derzeitiger "Gönner" nicht der Saubermann war, für den sie und die ganze Welt ihn hielten.
»Ich verstehe nicht, wie Sie das meinen?«, brachte die Frau hervor und setzte kämpferisch hinzu: »Ich habe nichts mit Josés Drogengeschäften zu tun. Ja, ich verabscheue dieses grässliche Zeugs. Das sollten Sie wissen, wenn Sie meinen mich so gut zu kennen.«
»Ihre beste Freundin ist an diesem Scheißzeugs verreckt. In Ihren Armen!«, stieß er heftig hervor. Ja, auch ein Herbert Kerner konnte derbe daherreden. Zumindest schien er damit Erfolg bei ihr zu haben. Gemäßigter fuhr er fort: »Sie müssen es mir glauben. Mir liegt sehr viel daran, dieses Teufelszeug von den Straßen zu bekommen. Endlich ist es uns nach jahrelangen Ermittlungen gelungen, an einen der großen Hintermänner zu kommen.« Kerner machte eine Kunstpause und trank einen Schluck. Über den Rand seines Glases erkannte er das Aufglimmen in ihren bemerkenswert dunkelgrünen Augen. »Ein wahrer Saubermann, ein Mitglied der oberen Gesellschaft, integer und ein Freund vieler Politiker. Leider ist dieser Mann sehr zurückhaltend, wenn es gilt, Menschen an sich heranzulassen, oder gar Vertrauen zu entwickeln.«
»Und? Was hat das alles mit mir zu tun?«
»Wir wissen, dass Sie eng mit diesem Herrn befreundet sind. Ihnen würde er vertrauen, wenn sie ihm anbieten, ein Drogengeschäft in die Wege zu leiten. Einen Deal, bei dem wir ihn und seine Partner auf frische Tat überführen werden.«
»Über wen reden wir hier eigentlich?« Janina hatte das Empfinden, in Watte gepackt und zugleich gegen eine Mauer geschleudert zu werden. Das Herumlavieren des Mannes lullte sie ein. Und doch war da etwas in ihr, das längst begriff, was auf sie zukam. Dieser stumme Schrei, der sich in ihr ausbreitete und unaufhaltsam die Kehle hinaufstieg.
»Ich spreche von Ihrem Freund. Dem Unternehmer Claus Friedrich Leberecht.«
Jedes seiner harten Worte erschlug in ihr die Hoffnung, das alles nur ein Traum war. Nein, das durfte nicht sein! Nicht Clausi, ihr wahrer Freund und Gönner. Der einzige Mann, dem sie überhaupt vertraute, sollte ein Verbrecher, viel schlimmer noch, ein Drogenhändler sein? Und doch sagte etwas tief in ihr, dass dieser Staatsanwalt die Wahrheit aussprach.
»Ich kann Ihnen ehrlich nachempfinden, dass Sie das über die Maßen schockiert.« Kerner warf einen letzten Blick in die Akte und reichte sie ihr über den Tisch hinweg. Wortlos erhob er sich, trat an das Fenster und sah wie unbeteiligt hinaus.
Janina saß da und starrte wie paralysiert auf den zitternden Gegenstand in ihrer Hand. Clausi – Drogen – Lügen – und diese Leichtlebigkeit. Alles drehte sich in ihr wie in einem Karussell. Es kostete sie ihre letzte Kraft, durch das Dossier zu blättern. Bilder von Claus und ihr, in allen möglichen Situationen. Gestochen scharf, beinahe so als hätte der Fotograf ganz in ihrer Nähe gestanden. An manch eine Situation konnte sie sich sogar noch erinnern. Es folgten weitere Bilder von Claus. Ohne sie. Vielfach mit anderen Männern, die ihr teilweise nicht fremd waren. Sie erkannte Ahmad Saiidish. Der Clan-Chef war ihr kein Unbekannter. Es waren durchweg Männer, bei denen ihr Instinkt ihr riet, unbedingt Abstand zu halten.
»Sie dürfen mir glauben, Frau Neuberger. Auch ich habe es lange nicht wahrhaben wollen«, wehte die leise Stimme des Staatsanwalts durch das Gefühlschaos in ihr. »Nach unseren Schätzungen sind Leberechts Leute derzeit für die Verbreitung von mehr als zwanzig Prozent des hier im Umlauf befindlichen Kokains verantwortlich.«
»Sabrina«, bestand sie unbewusst auf den Namen, unter dem man sie kannte. Blind vor den stummen Tränen reichte sie die Akte zurück, die ihr mit einem Male bleischwer vorkam. »Ich … ich will alles wissen.«
Frankfurt/Main im Dezember, Jahre zuvor.
Janina Neuberger stand frierend am Hühnerweg in Richtung Wendelsweg und wartete ungeduldig, dass Stefan Bergmann endlich kam. Sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie darauf bestanden hatte, dass er sie hier abholte, statt von ihrem Appartement. Wie naiv war sie nur? Ein zynisches Lachen drang ihr die Kehle hinauf und ließ den Passanten, der an ihr vorbeiging, irritiert aufschauen. Eingeschüchtert von dem Blick, den er kassierte, verkroch der Mann sich in sich selbst und beschleunigte seinen Schritt.
Janina schüttelte ärgerlich den Kopf. Fassungslos über ihre eigene Blödheit. Der Staatsanwalt, seine Leute, ja selbst solch ein Vogel wie Stefan Bergmann. Ein jeder von ihnen wusste, wo sie lebte. Bergmann war V-Mann der Polizei. Er kam an alle wichtigen Informationen heran, wenn er wollte. Fröstelnd verkroch sie sich weiter in ihren Wollmantel, unter dem sie gerade mal so viel trug, um auf einer Party zugelassen zu werden. Selbst auf dieses Outfit hatte Bergmann bestanden, stieß es ihr sauer auf. Sie hätte ihrem Sponsor, Ferez-Perreira und den Männern des Drogenkartells eine Augenweide zu bieten, um diese auf andere Gedanken zu bringen. Hatte sie sich schon einmal so schmutzig gefühlt?
Das Hupen neben ihr ließ sie zusammenzucken. Janina schluckte verkrampft und ging auf den Wagen zu, der auf ihrer Höhe stehen geblieben war. Als sie zu Stefan Bergmann in den Wagen stieg, folgte ihr dieses dumme und doch nicht greifbare Gefühl, das sie seit Tagen im Griff hielt, auf dem Fuße.
»Warum kommst du erst jetzt? Ich stehe mir hier die Beine in den Bauch und warte auf dich.« In dem Moment, als die Wagentür zuschlug, war die zweifelnde Frau in die Rolle der Sabrina geschlüpft.
»Wir mussten kurzfristig etwas umplanen. Das hat nun mal gedauert.« Stefan Bergmann schenkte ihr ein herablassendes Grinsen und fuhr mit einem sportlichen Stil an.
»Umplanen?« Da war es wieder, dieses Gefühl. Es überfiel sie stärker als dieser eklige Gestank nach kaltem Zigarettenqualm. Trotz der schwer arbeitenden Innenheizung kroch ein Frösteln durch sie hindurch. »Wie soll ich das verstehen?«
»Unsere Geschäftspartner haben sich vor drei Stunden gemeldet und auf einem neuen Treffpunkt bestanden«, verriet er ihr lapidar.
»Wann hattest du vor, mir das zu sagen?« Hinter Janinas Stirn stolperten die Fragen herum und mündeten in einer beginnenden Panik. »Was ist mit dem Hotel, das ich gebucht habe?«
»Was soll es dich beschäftigen. Du bist nur dazu da, die hübsche Larve zu spielen.«
»Du vergisst, die hübsche Larve muss Leberecht davon überzeugen …«
»Den habe ich informiert«, fuhr Bergmann ihr erneut über den Mund und schob fast entschuldigend hinterher: »Ferez-Perreira und seine Geschäftspartner bestehen auf dem "Montpellier" als Treffpunkt. Deshalb hast Du«, bei diesem Wort setzte er mit den Fingern Ausrufezeichen in die Luft, »dort eine Suite gebucht.«
»Wie, was fällt dir ein?« Janina fuhr herum und registrierte das dreckige Grinsen in seinem Profil. Ein ganz dummes Gefühl machte sich in ihr breit.
Doch Bergmann sah keinen Anlass, seine Beifahrerin mit weiteren Informationen zu füttern. Stumm lenkte er den Daimler in Richtung der Frankfurter City.
***
Sie hatte sich oft gefragt, was einem durch den Kopf ging … Nein, was ihr … Ihre Gedanken wischten auf der Suche nach der Vollendung ihrer Frage umher. Was blieb, wenn man spürte, dass die eigene Lebenserwartung rapide gegen null ging? Nichts, da war nichts mehr, gelangte etwas in ihr zu einer vorläufigen Antwort.
Ihre Blicke verloren sich in der anbahnenden Dunkelheit. Von hier oben, aus dem zehnten Stock des Hotels, breitete sich unter ihr ein glitzernder, farbenprächtiger Flickenteppich aus. Die Lichter der Stadt, die nach und nach aufflammten und doch nichts von dem offenbarten, was sich unter ihrem verlockenden Glanz verbarg.
Das Frankfurter Bahnhofsviertel, auf das sie hinabsah, würde nur einem Ahnungslosen eine Normalität vorgaukeln, die es nicht besaß. Die es nie besessen hatte, fügte dieses dunkle Etwas, das sich Gewissen nannte, spöttisch hinzu. Ein kunterbuntes Gemisch des Wahnsinns … ergänzte die seltsam gleichgültige Beobachterin in ihr. Mit der Desillusion eines Menschen, der längst den Glauben an das Gute in der Welt verloren hatte.
Nervös zuckende Blitze weckten für einen Moment die Aufmerksamkeit der stummen Beobachterin. Blaulicht, das durch die hellen Bahnen aus Licht wischte. Wieder jemand, der mehr Pech als sie hatte. Unwichtige Alltäglichkeiten …
»Wenn man sich von ihrer Schönheit blenden lässt, mag man kaum glauben, dass unsere Sabrina eine bemerkenswerte Taktikerin ist.« Die herausfordernde Stimme aus den Tiefen des Raumes verpuffte wirkungslos an dem Panzer, den Janina Neuberger um sich gelegt hatte. Nur so gelang es ihr, diese starke Frau darzustellen, deren Abbild sich schwach in der Scheibe vor ihr spiegelte. »Wenn sie nur nicht so verdammt eigensinnig wäre.«
Wie aus dem Nichts tanzten plötzlich Schneeflocken vom nachtschwarzen Himmel herab und verschwanden unter ihr. Der erste Schnee in diesem Jahr. Eine längst vergangen geglaubte Seite erwachte in ihr. Bilder aus glücklichen Kindertagen huschten durch ihre Erinnerungen und wurden von den bitteren Gedanken verdrängt, bevor sie sich tröstend in ihr einnisten konnten. Dieser Schnee würde nie die Erde erreichen, flüsterte diese pessimistische Stimme erneut in ihr. Was hier oben unschuldig weiß vom Himmel kam, würde als Regen den verlockenden Glanz der Straßen dort unten nur noch verstärken.
»Sie kann schon mal ein echtes Trotzköpfchen sein.« Die sonore und doch angenehme Stimme des zweiten Mannes strich über ihr aufgewühltes Wesen. »Doch das ist schließlich der Reiz an ihr, oder?«
Das Gespräch der Männer in ihrem Rücken glitt erneut in den Hintergrund. Banalitäten, Machogehabe, Zeitvertreib, bis ihre Geschäftspartner kamen. Janina blendete alles aus und bannte ihren Blick auf die einzelne Schneeflocke dort draußen, die sich länger als ihre Artgenossen gegen ihr unabwendbares Schicksal wehrte. Ihr filigranes Muster offenbarte ihr in der kurzen Zeitspanne einen Hauch vom Sinn des Lebens - ihres Lebens! Allmählich sank das wunderschöne Gebilde in sich zusammen und rann als große Träne die Scheibe herab. Nur eine weitere Schliere, die schon bald von der Masse aufgesogen wurde. So wie das wahre Leben, das sich unter ihr und um sie herum abspielte. So wie die Träume, die sie einmal besessen hatte.
Die Unterstellungen des von ihr verschmähten Chefarztes, ihre angeblichen Verfehlungen und das gehässige Getuschel der Kolleginnen. Der Weg ins Abseits war nur eine Frage der Zeit gewesen. Früher oder später warf man alle Hemmungen über Bord und akzeptierte, dass man mit käuflicher Liebe mehr verdiente, als wenn man eine miserabel bezahlte Krankenschwester blieb. Weit mehr!, hallte die Mischung aus Trauer und Verteidigung in ihr nach. Ja, sie hatte es in ihrem Gewerbe zu etwas gebracht. Sie nannte ein exklusiv eingerichtetes Appartement ihr Eigen, besaß gut gefüllte Sparbücher und hatte einflussreiche Freunde in der besseren Gesellschaft. Also den Kreisen, wo sie "Sabrina" war oder eine "gute Freundin der Familie". Nicht irgendeine Nutte oder die Edelprostituierte, für die sie sich selbst meist ausgab.
Ihr vages Spiegelbild schälte sich aus dem wirbelnden Tanz der Schneeflocken heraus und lächelte sie abfällig an. Schau dich nur an, du in Selbstmitleid badende Poetin! Du bist nicht besser als die, die da unten auf der Straße anschaffen gehen und ihr Geld abliefern.
Das Einzige, was blieb, war die immer wiederkehrende Erkenntnis, dass auch sie längst mit beiden Füßen in dem Sumpf steckte, der ausgebreitet unter ihr lag. Wer hier landete, fand keinen Weg hinaus. Daran würde sich nichts ändern. Selbst wenn sie sich dafür in Lebensgefahr begab und das tat, was man von ihr verlangte.
Schleswig-Holstein. Fünf Jahre später.
Kapitel 4
Schleswig-Holstein. Fünf Jahre später.
»Irgendwo im Nirgendwo«, intonierte eine fröhliche Stimme einen Schlager aus älteren Zeiten. So triefend falsch wie ehrlich setzte sie hinterher: »Ja, mein Alter, so kann man es wirklich bezeichnen.«
»Norder-Holmstedt … Wo liegt das Kaff überhaupt?«
Das boshafte Lästern des Beifahrers riss den Mann, dem es galt, für einen Moment aus seiner selbst gewählten Isolation.
»Wenn’s in diesem Land ein strahlendes Zentrum gibt, kannst du davon ausgehen, dass es genau am anderen Ende liegt. Stimmt’s, Tommy?«
Die schadenfrohe Äußerung des Fahrers erzeugte bei dem Herausgeforderten ein kühles Lächeln und die endgültige Abkehr von der Unterhaltung, die vor ihm in dem Kleinbus geführt wurde. Da war es aufregender rauszusehen und das an sich vorbeiziehen zu lassen, was einem die Landschaft an einem trüben Februartag bot. Kleine, farblose Dörfer wechselten sich mit tot daliegenden Feldern ab. Unweigerlich ließen sie in einem die Frage aufkommen, was geschah, wenn man hier einschneite. Bäume, die ihre kahlen, schmutzig braunen Äste – skelettierten Fingern gleich – in den bleigrauen Himmel schoben. Trostlose, verdorrte Gräser in tot wirkenden Knicks. Suizidgefährdet durfte man hier echt nicht sein. Und das alles würde für mindestens drei Jahre seine neue Heimat sein? Fuck! Der Kloß in seinem Hals rutschte höher hinauf und ließ das Atmen zur Qual werden.
Thomas Ehlers schloss die Augen und erinnerte sich der Worte, die sein Ausbildungsleiter für ihn zum Abschied auf Lager gehabt hatte. »Ehlers, ich hoffe, dass Sie sich in den kommenden Jahren oft an den Denkzettel erinnern werden, den wir Ihnen verpasst haben. Sehen Sie es als kleinen Dank für Ihr renitentes Verhalten an, mit dem Sie uns die ganze Zeit über erfreut haben. Sie sind und waren ein ständiger Unruheherd, der meine Geduld und die der anderen Lehrkräfte überstrapaziert hat. Ja, dass man sie letzten Endes doch zum Polizisten befördert hat, ist eine Beleidigung für all die Frauen und Männer, die ihre ganze Kraft in ihre Berufung stecken.«
Gabler! Jedes Mal wenn er an den schikanösen Ausbilder und sein "Geschenk" dachte, ging es mit ihm und dem Rest seiner Laune weiter in den Keller. Jeder Kilometer, der ihn von Eutin und der Polizeischule fortbrachte, war ein guter Kilometer. Nur dass es schlechthin in die falsche Richtung ging!
»Wir dürften bald da sein«, kommentierte ihr Fahrer den verwitterten Vorwegweiser, an dem sie gerade vorbeifuhren. Dabei warf er einen verstohlenen Blick in den Rückspiegel. Über zwanzig Kilometer Umweg; nur um zu sehen, wie es einem erging, der sich anmaßte, die Vorgesetzten und ihre Prämissen anzuzweifeln. Ein abfälliges Grinsen eroberte sein Gesicht. »Geil, Ehlers. Gabler hat dich tatsächlich an den Arsch der Welt versetzt!« Im letzten Moment wich er einem tiefen Schlagloch aus, das mit Sicherheit nicht erst seit diesem Winter auf unachtsame Autofahrer lauerte. »Entschuldige«, quittierte er feixend das entstandene Durcheinander hinter sich und fuhr einen Extraschlenker über die komplette Fahrbahn.
»Nimm’s nicht krumm, Alter. Es gibt ja Versetzungsanträge.«
»Wie recht du hast, Timo.« Ehlers schenkte dem Beifahrer ein verkniffenes Grinsen. Wer wie er den Hang des Kollegen zur Egozentrik kannte, ahnte, welch Anstrengungen es dem Guten kosten musste, derart viel Mitgefühl aufzubringen. »Ich werde deinen Rat in zwei Jahren und dreihundertvierundsechzig Tagen ganz gewiss beherzigen.«
»Sieh es von der positiven Seite, Tommy. Wenn es bei uns in Schleswig wieder heiß hergeht, kommen wir dich gerne mal auf’m Bauernhof besuchen.«
»Yipppieeee! Norder-Holmstedt!«
Der erschrockene Ausruf entband Ehlers von einer Antwort. Das und das Vibrieren unter ihnen, das den ganzen Wagen in Schwingungen versetzte. Kaum dass sie das Ortsschild hinter sich gelassen hatten. Kopfsteinpflaster? Echt jetzt? Gab es das überhaupt noch?
Mit einer Mischung aus Erstaunen und Befremden stellte der junge Polizeimeister für sich fest, dass das Panorama, das sich ihm bot, auf den ersten Blick nicht mal abstoßend wirkte. Schmucke, kleine Häuser. Manche waren sogar mit Stroh gedeckt. Davor zeigten sich Gärten, die selbst um diese Jahreszeit gepflegt wirkten. Ein alter Baumbestand an den schmalen Straßen, die teilweise sogar noch richtiges Kopfsteinpflaster aufwiesen. Da waren keine qualmenden Misthaufen, wie er es sich in seinen dunkelsten Fantasien ausgemalt hatte. Zumindest nicht an jeder Ecke, relativierte er. Nur, wie oft schon hatte der erste Eindruck getrogen? Das Telefonat mit seinem neuen Vorgesetzten Polizeihauptkommissar Clasen kam ihm in den Sinn. »Die beste Dienststelle, in der ruhigsten Gemeinde, die man sich nur vorstellen könne.« So ganz Unrecht hatte der Mann bestimmt nicht.
»Mann, ist das tot hier!« Niemand nannte Timo einen Lügner.
***
Drei Jahre! Mit versteinerter Miene sah Thomas Ehlers dem schnell kleiner werdenden Bus hinterher. Drei ganze Jahre, bis er die Möglichkeit bekam, einen ersten Versetzungsantrag zu stellen. Verlorene Jahre! Darüber halfen auch nicht die weisen Ratschläge und Beteuerungen seiner Großmutter hinweg. Sie und sein Sohn Daniel mochten sich vielleicht darüber freuen, von der Großstadt hierher zu ziehen. Doch er würde hier definitiv eingehen wie eine Primel.
Seufzend schulterte Ehlers seine Habseligkeiten und steuerte auf die grün gestrichene Haustür zu, hinter der sich das hiesige Polizeirevier versteckte. Zumindest wies das in die Jahre gekommene Schild darauf hin.
Was der äußere Eindruck des Gebäudes versprach, setzte sich im Inneren fort. Eine behäbige Gemütlichkeit, in der die Zeit die letzten dreißig Jahre stehen geblieben war. Mindestens! In der Ecke vor dem einzigen Fenster stand ein altersschwacher Tisch. Auf ihm zerfledderte, wochenalte Illustrierte, die langsam verblichen. Drei unbequem aussehende Stühle aus verschiedenen Epochen und ein Kleiderständer vervollständigten die Symbiose aus Flur und Wartezimmer. Kopfschüttelnd stellte Ehlers sein Gepäck in die Ecke und begab sich mutig in die Tiefen des schlauchartigen Raumes hinein.
Ehlers’ ohnehin spärlicher Glaube, was die Ausstattung der Dienststellen hinsichtlich hochwertiger Technik betraf, erhielt den finalen Todesstoß, als er die Revierstube betrat. Versteckt hinter einer Schreibmaschine – tatsächlich einer Schreibmaschine! – und den aufgeschlagenen Seiten einer Tageszeitung, entdeckte er den dunklen Haarschopf eines Kollegen.
Ein trockenes »Moin.« Ihm war bewusst, dass der Norddeutsche an sich nicht der Sabbelpott war.
Selbst das wurde mit demonstrativer Ignoranz belohnt. Das deutliche Ticken der Standuhr in seinem Rücken attestierte dem jungen Polizeimeister, dass der Schall trug. Er drehte sich um und betrachtete die Apparatur aus Großvaters Zeiten. Klar, das war’s! Wie konnte er das übersehen? Dreizehn Uhr sieben, Mittagszeit in deutschen Dienststuben. Mit einem verständigen Schmunzeln widmete sich Thomas einer eingehenden Begutachtung seiner neuen Wirkungsstätte. Zu früh gefreut, verließ ihn der gerade wiedergefundene Mut. Hinter einem brusthohen Tresen, der den großen Raum in zwei ungleiche Teile trennte, grüßten altersmüde Schreibtische zu ihm herüber. Eingerahmt von wuchtigen, bis zur Decke reichenden Aktenschränken, die einem das Gefühl vermittelten, von ihnen in Kürze erschlagen zu werden. Albträume konnten wirklich wahr werden.
»Passiert hier eigentlich nie was?«
»Verdammich noch mol!« Die Zeitung sank in sich zusammen. »Wat gift dat denn so Wichtiges, dat es bis hüt Nachmiddach keen Tied häd?«
»Eigentlich sollte es ja ein Überfall werden. Doch in der Zwischenzeit bin ich hier glatt verhungert.«
»Der Neue?« Es war eine Wohltat, zu sehen, wie der Kollege jäh in die Höhe schoss. »Hey, wir haben schon heute Vormittag mit dir gerechnet.«
»Sollte eigentlich auch so sein. Nur haben wir uns auf dem Weg in diese Wildnis dreimal verfahren.«
Der Polizeiobermeister eilte an den Tresen und stellte sich vor: »Wolfgang Brandt.«
»Thomas Ehlers.«
Brandt gab die Hand des Neuen frei und wies einladend auf den Durchgang. »Mensch, wie ich mich freue, endlich mal jemanden zum quatschen zu haben.«
»Ist es hier eigentlich immer so tot?« Die Blicke des Polizeimeisters schienen wahre Bände zu sprechen.
»Quatsch, so sehr leben wir hier nun auch nicht hinter dem Mond«, winkte Brandt mit herzhaftem Lachen ab. »Du wirst dich noch wundern, was hier manchmal abgeht. Nicht umsonst bemüht sich Clasen seit Jahren um die fällige Verstärkung.«
»Hauptkommissar Clasen, ist er da?«
»Der ist bei seiner Alten, Mittagfassen. Vor drei Uhr schlägt der hier garantiert nicht auf. So lange musst du mit mir vorliebnehmen. Kaffee?« Brandt bedeutete Thomas am zweiten Schreibtisch Platz zu nehmen und schlurfte zur Kaffeemaschine. »Komm, wir müssen auf unsere Erlösung anstoßen.«
»Na, ob ich gerade euer Heiland bin?«, murmelte Thomas spöttisch. »Ich kenn ’ne Menge Leute, die da völlig anderer Meinung sind.«
»Was denn? Bist du so wenig von deiner eigenen Leistung überzeugt?«
»Schon. Nur dürfte meine Versetzung hierher mehr auf dem Fluch eines humorlosen Ausbilders beruhen. Ich bin in Eutin einem gewissen Kriminalhauptkommissar und seinen Kumpels ein paarmal zu oft auf die Füße getreten.«
Brandt balancierte den übervollen Becher an den Tisch des Neuen. »Jetzt sag nur nicht, dass mein alter Freund Gabler immer noch kleine Polizeianwärter erschreckt?« Mit einem feisten Grinsen wischte sich Brandt die Hand an seinem verschlissenen Diensthemd ab.
Der Kaffee war kochend heiß und schmeckte halbverbrannt. Immerhin schwemmte das Gebräu den sauren Nachgeschmack fort, der bei der Erwähnung des Ausbilders erneut in Ehlers aufstieg. Es wurde Zeit, das Thema zu wechseln. »Und, wie ist der Chef so? Ich meine als Vorgesetzter.«
»Clasen? Ach, der ist schon ganz in Ordnung. Polizist der alten Schule eben. Manchmal ein wenig zu korrekt, aber für jeden da, der ein Problem hat. Vor allem kann man eine Menge von ihm lernen.«
Als Polizeihauptkommissar Alfred Clasen pünktlich nach der Mittagspause in die Dienststelle zurückkehrte, fand er den Kollegen Brandt nicht allein vor. Der Mann in der Dienstkleidung eines Polizeimeisters erhob sich und trat ihm mit offener, wenn auch ernster Miene entgegen. Das war also Herr Ehlers. Die Verstärkung, die ihm die übergeordnete Dienststelle nach Jahren des Bittens und Flehens endlich zugeteilt hatte.
»Herr Polizeihauptkommissar Clasen? Ehlers, es tut mir leid, dass sich meine Ankunft verspätet hat.«
Die Stimme, die Alfred Clasen bereits am Telefon als sympathisch befunden hatte, deckte sich mit dem angenehmen Erscheinungsbild, dass der junge Mann ihm bot. Ehlers strahlte, trotz eines spürbaren Unwohlseins, eine gewisse Reife aus, die er hier vor Ort für unabdingbar hielt. Etwas, von dem sich Obermeister Brandt gern die eine oder andere Scheibe würde abschneiden können. Ja, war es denn möglich, dass Kiel ihm in der Tat all seine Wünsche erfüllt hatte?
»Wie schön, dass Sie da sind, Herr Ehlers.« Clasen ergriff die dargebotene Hand und nahm den Umschlag mit den Personalunterlagen entgegen. »Ja, dann kommen Sie man gleich mal mit in mein Büro.«
Der Hauptkommissar gab Thomas ein Zeichen, ihm zu folgen. Über einen kleinen, schmucklosen Flur ging es in das Büro des Dienststellenleiters. Der Hauptkommissar setzte sich an seinen aufgeräumten Schreibtisch und bedeutete dem Polizeimeister, ihm gegenüber Platz zu nehmen. »Sie haben nichts dagegen, wenn ich erst einen Blick in Ihre Begleitakte werfe?«
Während sich der neue Vorgesetzte in die Unterlagen vertiefte, ließ Thomas seine Blicke durch das Büro wandern. Die Einrichtung unterschied sich kaum von der des übrigen Reviers. Durch die gardinenverhangenen Fenster war das Johlen einer Kinderschar zu hören, die dort draußen auf der Straße herumtollte. Unweigerlich kamen ihm dabei Oma Annas Worte ins Gedächtnis, mit dem sie ihm seit gefühlten Jahren in den Ohren lag. »Wenn du schon Polizist wirst, dann lass dich bitte aufs Land versetzen«, hatte sie ihm immer wieder in den Ohren gelegen. Leider sah es für ihn so aus, als wäre ihr größter Wunsch in Erfüllung gegangen.
»Nun, Herr Ehlers. Was ich hier lesen darf, übertrifft meine Erwartung bei Weitem«, holten die Worte des Hauptkommissars den jungen Mann in die Gegenwart zurück. »Besonnenheit und aufrichtiger Charakter sind bei uns weit wichtiger als jugendlicher Elan oder gar ungesundes Draufgängertum.«
Thomas stutzte. Was hatten die ihm in Eutin in seine Akte geschrieben? Egal, er würde sich durch dieses unverhoffte Lob nicht von seiner Meinung abbringen lassen. »Herr Clasen.« Er räusperte sich verhalten. »Ich will ehrlich sein und möchte bei Ihnen keine falsche Hoffnung wecken. Der Wunsch, hierher versetzt zu werden, ist keineswegs auf meinen Mist gewachsen.«
